Die Pferdezüchter von Olgino

Der Originalartikel stammt von: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-79723338.html


Einleitung:

Dieser Artikel behandelt nicht nur den Ursprung der Pferdezucht auf dem Gebiet des heutigen Kasachstan, sondern liefert auch interessante Informationen über Lebensgewohnheiten der sog. Sintaschta-Petrovka-Kultur Zentralrusslands.

– Sebastian Jenesl


Artikel:

Seine Lederpeitsche hält Kinsebek Senspajew stets griffbereit. Gemächlich zieht der Russe mit rund 300 Stuten durchs Grasland nahe der kasachischen Grenze. Die Tiere äsen Süßklee und duftende Kräuter. Gesprengte SS-18- Raketensilos ragen aus der endlosen Ebene – Relikte des Kalten Krieges.
 
Der braungebrannte Hirte übt jenseits des Urals, der steinernen Mauer, die Asien von Europa trennt, einen Job aus, dem schon seine Urahnen nachgingen. Die Region ist ein hippologisches Kerngebiet.
 
Neuen Erkenntnissen zufolge gelang die Zähmung des Pferdes vor 5500 Jahren nahe der kasachischen Hauptstadt Astana. Die Leute dort tranken erstmals vergorene Stutenmilch. Und sie wagten wahrscheinlich den frühesten Ritt auf einem Ross. Aber auch jene Waffe, die den Krieg im Altertum in neue Dimensionen rückte, stammt aus den Weiten Eurasiens: der Streitwagen.
 
Dieser Pioniertat der PS-Technik wird nun nachgespürt. Südlich der Stadt Kartaly steht ein Zeltlager in der Wildnis. An einer Feuerstelle mit rußigen Kochtöpfen sitzen fast 60 Wissenschaftler und Studenten. Sie essen Fischsuppe.
Einen Steinwurf entfernt sind Reste einer bronzezeitlichen Siedlung zu erkennen. Olgino, so der Name, besaß 20 Meter lange Häuser. Errichtet wurde der Ort vor 4000 Jahren.
An der Spitze der deutschen Gruppe steht Vorgeschichtler Rüdiger Krause von der Universität Frankfurt. Er trägt stets eine getönte Brille.
Was für eine fremde Welt tut sich den Forschern da auf. Weder Brot noch Reis aßen die Leute von Olgino; sie sättigten sich mit wilden Wicken. Auch ihr Friedhof macht stutzig: 71 Prozent der dort Bestatteten waren Kinder.
 
Krause zeigt über Distelgestrüpp hinweg nach Westen, wo sich einst mehrere Grabhügel („Kurgane“) erhoben. Es sind Gräber einer militärischen Elite. Neben den Toten lagen Reste von Zaumzeug, Pferdeschädel und verrottete Kampfwagen. Neuen Radiokarbondaten zufolge wurden die frühesten Vehikel um 1960 vor Christus hergestellt. Krause: „Es sind die ältesten Streitwagen der Welt.“
Sibirien als Wiege des Tempokults? Lange hieß es, die Hochkultur der Sumerer habe die schlanken Einachser entwickelt. Nun zeigt sich: Barbaren von der Randzone der bewohnten Welt hatten die Nase vorn.
Alle morgenländischen Heere nutzten im 2. Jahrtausend vor Christus den Streitwagen als Rückgrat ihrer Armeen: zur Fernaufklärung, für schnelle Überfälle und zur Unterstützung der Fußtruppen. Meist waren die Vehikel mit einem Bogenschützen und einem Schildträger besetzt.
 
Bei einem der größten Aufmärsche, der Wüstenschlacht von Kadesch im Jahr 1275 vor Christus, boten die Hethiter 3500 Gespanne auf, die in die Wagentruppe von Ramses II. krachten.
Die eleganten, wendigen Gefährte passten dem Herrenmensch-Ideologen Oswald Spengler ins Weltbild: Nichts sei „so weltverwandelnd“ gewesen wie diese „erste komplizierte Waffe“, befand er. „Vor allem aber tritt hier das Tempo als taktisches Mittel zuerst in die Weltgeschichte ein.“
Doch das Gerät taugte auch für Sport und Spaß. Tutanchamun ging mit ihm auf die Jagd. König Salomo kaufte sich – der Bibel zufolge – Luxus-Streitwagen zum Stückpreis von 600 Lot (knapp zehn Kilogramm) Silber. In Athen und Rom lieferten sich gutgeschulte Fahrer Wettrennen.
Der Urtyp all dieser Modelle aber stammt, das offenbart jetzt die deutsch-russische Grabung, aus Westsibirien. Dort wurde jenes innovative Paket aus Zaumzeug, Speichenrad und Jochgeschirr geschnürt, das erstmals erlaubte, mit 50 Stundenkilometern über die Flur zu sausen.
In diesem Ursprungsgebiet haben sich die Forscher nun eingenistet. Olgino lag inmitten eines urbanen Kraftfelds. Auf einer Fläche von 300 mal 200 Kilometern erstreckten sich in der Bronzezeit über 20 Siedlungen (siehe Karte). Die Russen nennen die Region noch heute „Land der Städte“.
Schon das erstaunt: Seit Menschengedenken zogen Viehzüchter ruhelos durch die endlosen Federgrasweiten. Mit Immobilien hatten sie nichts im Sinn. „Um 2000 vor Christus jedoch“, wundert sich Krause, „tauchten wie aus dem Nichts Siedlungen auf.“ Und noch ist völlig unklar, woher ihre Bewohner stammten.
Besonders imposant wirkt Arkaim. Aus der Luft erinnert der Ort an eine aufgeschnittene Zitrone. Die Außenmauern waren kreisrund, die Straßen schneckenförmig angelegt.
Der Ausgräber Gennadij Sdanowitsch, der die Anlage in den neunziger Jahren freilegte, war von der Architektur so begeistert, dass er darüber die wissenschaftliche Besonnenheit verlor. Er deutete den Ort als „Nabel der Welt“, in dem einst kosmisch erleuchtete Urmenschen gewohnt hätten.
 
Resultat: Arkaim ist heute das Zentrum der russischen Esoterik. Schamanen, Gurus und postkommunistische Sinnsucher rücken alljährlich an. Sie alle besteigen einen nahen Riesenhügel, auf dessen Kuppe sich ein Spiralweg windet. Diesen wandert die Szene laut betend und murmelnd ab.
Auch Wladimir Putin und Präsident Medwedew haben die „älteste Stadt Russlands“ schon besucht. Nur, wer baute diese uralte kreiselartige Steppenfestung? Wer errichtete die vielen seltsamen Nachbarorte?
Manche vermuten, dass zugereiste „Arier“ die 4000 Jahre alte Zivilisation am Ural begründeten. In einigen der Orte fand man Hakenkreuze („Swastika“) auf Waffen und Keramiktöpfen – ein typisches Zeichen jenes Volksstamms, dessen ursprüngliche Heimat keiner kennt.
Fest steht, dass die Bewohner vor allem von der Viehzucht lebten. Das beweisen die vielen Tierknochen in der Erde. Vor kurzem kam auch das Skelett eines Zuchtbullen zum Vorschein.
Fayenceperlen und goldenen Schmuck haben die Archäologen entdeckt, auch Lanzen und Dolche. Eine der wenigen Statuen zeigt einen Mann mit grinsendem Mondgesicht.
Leicht ist das Leben im Camp allerdings nicht. Immer wieder prasseln Hagelschauer vom Himmel und zerknicken die Zelte. Dann wieder reißt der Himmel jäh auf, bis alle schwitzen. Das wiederum regt den Appetit grünschimmernder Stechfliegen an.
 
Auch die Bürokratie nervt. Um Papierkram zu vermeiden, schicken die Deutschen ihre Sedimentbohrkerne getarnt als Diplomatenpost in die Heimat. Im Camp arbeitet ein Geheimdienstler vom FSB. Erkundungen aus der Luft wurden verboten.
Krause behilft sich mit Bildern der „Corona“-Mission, mit der die USA im Jahr 1971 die nuklearen Abschussrampen der Sowjets ausspionierten. Die alten Aufnahmen seien „erstaunlich scharf“, erzählt der Forscher: „Selbst die Umrisse von bronzezeitlichen Dörfern lassen sich darauf erkennen.“
So kam das Team auch urtümlichen Bergwerken auf die Spur. Auf den Weltraumfotos sind Tausende schwarzer Löcher zu sehen. Es sind alte Erzschächte zur Gewinnung von Gold, Kupfer und Arsen.
 
Die Archäologen vermuten, dass die Gier nach Bodenschätzen eine „wachsende territoriale Kontrolle“ erforderte und so zu Streit und Krieg führte. Anders seien die bis zu sechs Meter hohen Schutzmauern der Siedlungen nicht zu erklären.
Vielleicht ersannen die Bewohner deshalb auch ihre rollenden Kampfmaschinen, mit denen sie rasch schwer bewaffnet ins platte Land ausschwärmen konnten.
Allein im Ort Sintaschta kamen in Prachtgräbern fast 20 verrottete Streitwagen zutage. Daneben lagen Schlachtrösser mit eingeschlagenem Schädel. An der Spitze der fernen Ural-Kultur stand ein pferdenärrischer Kriegeradel.
Aufrecht in ihren Karren stehend, mit Lederpanzern und Kriegsbemalung, Köcher und Bogen geschultert und heisere Kommandos brüllend – so mag man sich die Steppenkavallerie vorstellen.
 
Die Außenhaut der Karren bespannten die Leute vermutlich mit Tierhaut. Hölzer bogen sie über Wasserdampf und Feuer. Die Felgen waren mit Leder umwickelt. Die Spurbreite der Karren lag bei 150 Zentimetern.
Wie plump wirken gegen diese schlanken Rennwagen die bis dahin gebräuchlichen Transporter aus dem 4. und 3. vorchristlichen Jahrtausend. Sie hatten meist vier Räder aus Vollholz und eine starre Achse. Gezogen wurden sie von Ochsen oder Eseln mit Nasenring.
Der Streitwagen dagegen sollte schnell sein und enge Kurven fahren. Die größte Kunst bestand darin, zwei temperamentvolle Fluchttiere ins Joch zu spannen, scheu und schreckhaft, die über die Zügel gleichsam ferngesteuert werden mussten.
 
Um dieses Kunststück zu vollbringen, entwickelten die Tüftler ein neues Zaumzeug. Über Bänder befestigten sie seitlich am Pferdemaul zwei Knochenscheiben mit kleinen Stacheln. So übten sie mit dem Zügel Druck auf die Wange der Tiere aus.
Ergebnis war ein „Porsche des Altertums“ mit „Hochleistungsantrieb und extrem guter Beschleunigung“, wie es die englische Archäologin Gail Brownrigg formuliert. Noch im Renngalopp ließen sich die Gäule zielgenau lenken.
Kein Wunder, dass die Erfindung zum Exportschlager geriet. Das gesamte Morgenland war begeistert von dem staubaufwirbelnden Flitzer.
Nur Ägypten zögerte lange. Hier kam die Chaise erst um 1550 vor Christus in Mode. Dann aber gebärdete sich der Pyramidenstaat besonders närrisch. Reiche Kaufleute leisteten sich Gespanne aus Gold und Edelsteinen. In den Stallungen des Pharaos rieben Knechte rassige Hengste mit Duftölen ein. Auch schnitt man Pferden die Nüstern auf, damit sie mehr Atemluft ansaugen konnten, als wären sie getunte Motoren.
Noch liegen viele Stationen der Entwicklung im Dunkeln. Niemand weiß, wer dem ersten Hengst die Hoden abschnitt und wer die bewegliche Deichsel erfand. Doch das kreative Zentrum der Pferdetechnologie zeichnet sich immer deutlicher ab: Entscheidende Ideen kamen aus den baumlosen Steppen Eurasiens.
 
Deren endlose Weite behindert die Archäologen allerdings bis heute. 3400 Kilometer fliegen die Deutschen nach Jekaterinburg, um dann 500 Kilometer mit dem Auto über Teerpisten nach Süden zu fahren, ehe sie den letzten Weg quer durchs Grasland holpern. Dort empfängt sie eine schlichte Zeltstadt mit Plumpsklo, das man abends im Schein von Kerzen betritt. Geduscht wird im Fluss.
Doch was tut man nicht alles dafür, den kognitiven Fortschritt der Menschheit zu mehren. Die entlegene Welt der Steppenkrieger sei „eines der spannendsten Themenfelder sibirischer Vorgeschichte“, meint Krause.
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