Die Kurgan-Hypothese

Einleitung:

Mit der Postulierung ihrer, als „Kurgan-Hypothese“ bekannt gewordenen, Theorie zur Ausbreitung und Entwicklung der europäischen Kultur und Sprache, lieferte Marija Gimbustas (1921 – 1998) nicht nur die, bisher, schlüssigste Theorie zur Überlappung der Ur-Europäischen Kultur durch die später dominante Indo-Europäische, sondern vermochte es auch, die, bis dahin isoliert betrachteten, archäologischen Kulturen Zentralrusslands mit einander in Beziehung zu setzen. In dem vorliegenden Artikel soll nun zunächst die zugrunde liegende Hypothese vorgestellt werden; weiterführende Artikel, sowohl zu Marija Gimbustas selbst, wie auch die betreffenden Kulturen und selbstverständlich auch die archäologischen Merkmale der Kurgane selbst, werden im folgenden noch erschöpfend behandelt. Doch nun, genug der schelen Worte. Wie immer wünsche ich allem Besuchern viel Vergnügen beim Lesen und hoffe, das sich jeder selbst seine Meinung zu bilden vermag.

– Sebastian Jenesl


Artikel:

Die Kurgan-Hypothese (auch Kurgan-Theorie oder Kurgan-Modell genannt) ist der am weitesten verbreitete Vorschlag, die proto-indoeuropäischen Heimatländer zu identifizieren, aus denen die indoeuropäischen Sprachen in ganz Europa und Teilen Asiens verbreitet wurden, und postuliert dass die Angehörigen einer Kurgan-Kultur in der pontischen Steppe nördlich des Schwarzen Meeres die wahrscheinlichsten Sprecher der proto-indoeuropäischen Sprache (PIE) waren. Der Begriff wird von der russischen Kurgan (курган), mit der Bedeutung Tumulus oder Grabhügel, abgeleitet.

Die Kurgan-Hypothese wurde zuerst in den fünfziger Jahren von Marija Gimbutas formuliert, die den Begriff benutzte, um verschiedene Kulturen, einschließlich die Yamna, oder Grubengrab-Kultur und seine Vorgänger zu gruppieren. David Anthony verwendet statt dessen die Kern-Yamna-Kultur und ihre Beziehung zu anderen Kulturen als Bezugspunkt.

Marija Gimbutas definierte die Kurgan-Kultur aus vier aufeinander folgenden Perioden, wobei der früheste (Kurgan I) einschließlich der Samara- und Seroglazovo-Kulturen der Dnjepr / Wolga-Region im Kupferzeitalter (Anfang des 4. Jahrtausends v. Chr.) bestand. Die Menschen dieser Kulturen waren nomadische Pastoralisten, die nach dem Vorbild des frühen 3. Jahrtausends v. Chr. In der pontisch-kaspischen Steppe und in Osteuropa expandierten.

Die Argumente für die Identifizierung der Proto-Indoeuropäer als Steppennomaden aus dem Pontisch-Kaspischen Raum wurden bereits im 19. Jahrhundert von den deutschen Philologen Theodor Benfey und besonders von Otto Schrader Karl Brugmann vertrat in seinem Standardwerk über PIE und in stärkerem Maße in einer späteren Abkürzung die Ansicht, daß das Urheimat damals nicht genau identifiziert werden konnte, sondern er neigte zu Schraders Ansicht. Allerdings, so Karl Penka 1883, begünstigen die meisten Gelehrten, in Ablehnung einer außereuropäischen Quelle, einen nordeuropäischen Ursprungs. Die Ansicht eines pontischen Ursprungs wurde stark von den Archäologen V. Gordon Childe und Ernst Wahle begünstigt. Einer der Schüler von Wahle war Jonas Puzinas, der wiederum einer von Gimbutas Lehrern war. Gimbutas, von Schrader als Vorläufer anerkennt, war in der Lage, eine Fülle archäologischer Beweise aus dem Gebiet der Sowjetunion (und anderer Länder, die dem Ost-Block angehörten), welche für Wissenschaftler aus westlichen Ländern nicht zugänglich waren, zu bestimmen. Dies erlaubte ihr, ein vollständigeres Bild des prähistorischen Europas zu zeichnen.

Als er 1956 in dem Buch „Die Vorgeschichte Osteuropas, Teil 1“ vorgeschlagen wurde, war Marija Gimbutas Beitrag zur Suche nach den indoeuropäischen Ursprüngen eine interdisziplinäre Synthese aus Archäologie und Linguistik. Das Kurgan-Modell der indoeuropäischen Herkunft identifiziert die pontisch-kaspische Steppe als das Proto-Indoeuropäische (PIE) Urheimat, und von einer Vielzahl von späten PIE-Dialekten wird angenommen, sie wären in der  gesamten Region gesprochen worden. Nach diesem Modell erweiterte sich die Kurgan-Kultur allmählich, bis sie die gesamte pontisch-kaspische Steppe umfaßte, wobei Kurgan IV mit der Yamna-Kultur um 3000 v. Chr. Identifiziert wurde.

Die Mobilität der Kurgan-Kultur erleichterte die Ausbreitung über die gesamte Region und wird der Domestizierung des Pferdes und später dem Gebrauch von frühen Wagen zugeschrieben. Der erste starke archäologische Beweis für die Domestizierung des Pferdes stammt aus der Sredny-Stog-Kultur nördlich des Asowschen Meeres in der Ukraine und würde einem frühen PIE oder Vor-PIE Kern des 5. Jahrtausends vor Christus entsprechen.

Spätere Expansion über die Steppen hinaus führte zu Hybrid-, oder in Gimbutas Begriffe „kurganisierten“ Kulturen, wie die Kugel-Amphoren-Kultur im Westen. Aus diesen kurzlebigen Kulturen kam die Einwanderung von Proto-Griechen auf den Balkan und der nomadischen indo-iranischen Kulturen im Osten um 2500 v.Chr.

Gimbutas definierte und führte den Begriff „Kurgan-Kultur“ 1956 mit der Absicht ein, einen „breiteren Begriff“ einzuführen, der Sredny Stog II, Gruben-Grab-Kultur und Bandkeramik-Kultur-Horizonte kombinieren würde (über das 4. bis 3. Jahrtausend in Ost- und Nordeuropa ). Das Modell einer „Kurgan-Kultur“ vereint die verschiedenen Kulturen der Kupferzeit mit der frühen Bronzezeit (5. bis 3. Jahrtausend v.Chr.) der pontisch-kaspische Steppe, um deren Identifizierung als eine einzige archäologische Kultur oder einen kulturellen Horizont zu rechtfertigen, basierend auf Ähnlichkeiten unter ihnen. Der gleichnamige Bau von Kurganen (Hügelgräber) ist nur einer von mehreren Faktoren. Wie immer in der Gruppierung archäologischer Kulturen, kann die Trennlinie zwischen einer Kultur und der nächsten nicht mit strenger Präzision gezogen und diskutiert werden.

Die Kurgan-Hypothese beschreibt die anfängliche Ausbreitung des Proto-Indoeuropäischen im 5. und 4. Jahrtausend v.Chr. Wie von Gimbutas verwendet, bedeutet der Begriff „kurganisiert“, die Kultur hätte sich nicht mehr als kleine Gruppen auf die lokalen Bevölkerung als Elite verteilt. Diese Idee postulier die Verbreitung der PIE-Sprache und ihrer tochtersprachlichen Diffusion von Osten und Westen ohne Massenwanderung, welche bei Archäologen in den siebziger Jahren populär waren (das Töpfe-Nicht-Menschen-Paradigma). Die Frage der weiteren Indo-Europäisierung von Mittel- und Westeuropa, Zentralasien und Nordindien während der Bronzezeit liegt außerhalb ihres Geltungsbereichs, weitaus unsicherer als die Ereignisse des Kupferzeitalters und ist Gegenstand einiger Kontroversen. Das sich rasch entwickelnde Gebiet der Archäogenetik und der genetischen Genealogie seit den späten 1990er Jahren hat das Migrationsmuster aus der Pontischen Steppe zur relevanten Zeit stärker als erwartet bestätigt. 

Werbeanzeigen
Einmalig
Monatlich
Jährlich

Einmalig spenden

Monatlich spenden

Jährlich spenden

Wähle einen Betrag aus

€1,00
€5,00
€10,00
€1,00
€5,00
€10,00
€1,00
€5,00
€10,00

Oder gib einen individuellen Betrag ein


Wir wissen deine Spende sehr zu schätzen.

Wir wissen deine Spende sehr zu schätzen.

Wir wissen deine Spende sehr zu schätzen.

SpendenMonatlich spendenJährlich spenden

Eine Antwort auf „Die Kurgan-Hypothese

  1. Nur doof das die kurganisierten Kugelamphorenkultur so gar kein bisschen Kurgan-Gene in sich hat (Studie 2017) und aus einer Gegend stammte, wo es schon lange Kurgane (in europäisch Tumuli) gab. Dazu kommt noch das nicht IE-Sprechende Uralische Volk dessen Wurzeln bis ins Mesolithikum reicht und das mitten im angeblich PIE-sprechendem Kurgan-Homeland. Auch an der Datierung wurde schon so ziemlich alles überarbeitet.
    Es ist ein bisschen vorschnell zu behaupten, das die Genetik das bestätigt hat. Die sieht das nämlich ganz anders. Bisher hat sich nur bestätigt das in der Yamnaya-Kultur eine Genetik existierte, die der Indoiranischen Genetik am Nächsten steht. Das bedeutet nicht das sie die Väter der europäischen Kinder sind, eher ein Onkel. Und die Europäische Genetik besteht ja nicht nur aus diesen, sondern da gab es noch andere. Dabei gibt es besonders 3 Probleme, nämlich noch zwei Vor-Kurganthese-Kulturen in dieser Region die beide die Vorfahren der Europäer und Indoiraner sind und nicht zu vergessen, die europäischen Vor-Kurganthese-Kulturen die den gesamten weiblichen und Teile des Männlichen Stammbaumes beitrugen und die auch in der Kurgankultur gefunden wurden. Mit anderen Worten das ganze Modell geht auch genau umgedreht. Was dann wieder zu der Frage führt? Wer war denn nun der Sprecher von PIE, kam der aus dem Osten oder aus dem Westen?

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s