Die ersten Metropolen Europas – Die Städte der Cucuteni-Tripolje-Kultur

Originalartikel unter: http://www.dainst.org/projekt/-/project-display/56643


Einleitung:

5000 vor Christus lebte im östlichen Balkanraum eine der dynamischsten und innovativsten Alt-Europäischen Kulturen. Als in Ägypten und Sumer noch Jäger und Sammler dominierten, schuf dieses Volk am Schwarzen Meer Städte mit bis zu 2000 Einzelhäuser, teils zweistöckig, welche über beinahe 1500 Jahre ständig bewohnt wurden. Sie verfügten über eine eigenes Schriftsystem, welches sie von ihren Vorfahren, der Vinca- und der Lepenski-Vir-Kultur, übernahmen und erfanden vermutlich nicht nur das Rad, sondern nutzten auch als Erste eine Art Wohnwagen um längere Strecken zurückzulegen. Kurzum, die Trypolje-Leute, wie sie auch genannt werden, dominierten den östlichen Balkan und die Waldsteppen nördlich des Schwarzen Meeres bis zur ankunft der Indo-Europäer und stehen damit am Anbeginn europäischer Siedlungsgeschichte.

(Der vorliegende Artikel basiert auf den Forschungen des DAI [Deutsches Archäologisches Institut]. Sämtliches Urheberrecht verbleibt bei diesem.)

– Sebastian Jenesl

 


Artikel:

Das in Kooperation mit dem Nationalmuseum für Archäologie und Geschichte der Republik Moldau durchgeführte Projekt widmet sich der Siedlungsgenese im nordwestpontischen Raum des 5. und 4. Jahrtausends v. Chr. Besonderer Fokus liegt hierbei auf der Erforschung der so genannten Tripol’e Mega-Sites und der Frage, ob diese strukturierten Anlagen als Anzeiger einer neuen Gesellschaftsstruktur bewertet werden können.

Die Cucuteni-Tripol’e-Kultur bildet einen der letzten großen Kulturkomplexe am Ende des Spätneolithikums. Ihre Siedlungen verteilen sich auf das heutige Rumänien, die Republik Moldau und die Ukraine. Charakteristische Marker des Kulturkomplexes sind eine überaus qualitätvolle, bemalte Keramik sowie mitunter sehr großflächige, rund angelegte Siedlungsanlagen. Im Gegensatz zu benachbarten Kulturgruppen kommt es zu keiner Ausbildung von Tellsiedlungen – wenngleich auf natürlichen Anhöhen angelegt, sind die Siedlungen der Cucuteni-Tripol’e-Kultur einschichtig.

Die Siedlung Petreni liegt im Norden der heutigen Republik Moldau. Erste Ausgrabungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts legten Bauten der Phase CI der Tripol’e-Kultur (Beginn des 4. Jahrtausends v. Chr.) frei. Luftbildaufnahmen der 1970er Jahre zeigten einen Siedlungsplan runder Struktur, der durch geomagnetische Prospektionen 2010/11 vervollständigt werden konnte: auf einer Fläche von 33 Hektar liegen acht Ringe radial angeordneter Häuser, die von einem inneren Grabensystem durchzogen und von zwei äußeren umgeben sind. Die Kampagnen des laufenden Projekts sollen Bezüge zwischen den Wohneinheiten herstellen und feinchronologische Daten für die Siedlung erbringen. Auf Basis der Siedlungsstruktur sind Rückschlüsse auf die soziale Organisation der Cucuteni-Tripol’e-Gesellschaft zu erwarten. Ein engmaschiges Netz an Radiokarbondaten sowie feinstratigraphische Beobachtungen tragen zum Verständnis der Siedlungsgenese bei. Untersuchungsverfahren der Archäobotanik, Archäozoologie, Archäometallurgie sowie der Anthropologie sollen Funktions- und Wirtschaftsbereiche innerhalb der Siedlung definieren.

Erste Ausgrabungen wurden bereits durch den deutschen Archäologen E. Stern in den Jahren 1902/03 unternommen, der in verschiedenen Bereichen der Großsiedlung 8 Bauten mit so genannten Lehmplattformen freilegte, welche in die Phase CI der Tripol’e-Kultur (Beginn des 4. Jahrtausends v. Chr.) datieren.
Während des zweiten Weltkrieges wurden 1943 weitere Grabungsaktivitäten durch die Rumänen Vlad Siru und Radu Vulpe unternommen, deren Ergebnisse allerdings unpubliziert blieben. Besonderen Bekanntheitsgrad erlangte Petreni durch die Auswertung von Luftbildaufnahmen, welche einen detaillierten Siedlungsplan runder Struktur mit einer Siedlungsfläche von 33 Hektar und einem Durchmesser von 640 Metern erbrachte

 

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Fragestellung

Die Siedlungsentwicklung der Cucuteni-Tripol’e-Kultur zeigt in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends eine Tendenz zur Vergrößerung einzelner Siedlungen, welche mitunter 400 Hektar Fläche einnehmen können. Auf Grundlage von Luftbildauswertungen deutet sich für jene Anlagen eine radiale bzw. lineare Anordnung der Häuser an, welche eine planmäßig angelegte Wegeführung oder sogar eine Unterteilung in einzelne Viertel impliziert. Nahezu dogmatisch werden die Cucuteni-Tripol’e-Siedlungen neben Deutungen als Agglomerate einer Ackerbau treibenden Gesellschaft oder Bollwerke gegen Konflikte innerhalb der Cucuteni-Tripol’e-Gruppen zumeist als protourbane Zentren angesprochen. Im Hinblick auf die zeitgleiche Formierung der frühen Stadtstaaten Mesopotamiens und der Herausbildung lokaler Eliten in der Balkan- und Kaukasusregion scheint diese Deutung plausibel, hinsichtlich der archäologischen Nachweisbarkeit jedoch muss sie nicht zwingend konsistent sein: Zwar nehmen die einschichtigen Flachsiedlungen enorm große Flächen ein, allerdings ist unklar, welche Hauseinheiten innerhalb einer Siedlung gleichzeitig bestanden, bzw. mit wie vielen gleichzeitig in einer Siedlung lebenden Einwohnern gerechnet werden kann. Daran anknüpfend wäre auch zu hinterfragen, weshalb es zum Abbruch jener sich andeutenden Städteentwicklung kam. Im Hinblick auf eine Einbettung der Cucuteni-Tripol’e-Kultur in einen chronologisch-geographischen Kontext mit dem Gräberfeld von Varna oder den Prunkgräbern der Majkop-Kultur mag eine ähnliche Entwicklung der Cucuteni-Tripol’e-Gesellschaft hin zur Ausbildung einer differenzierten Gesellschaft mit zentraler Machtinstanz denkbar erscheinen. Eine Ansprache als protourbane Zentren würde aber einen Wandel der Gesellschaftsstruktur beinhalten, welche respektiv mangelnder Kenntnisse über die Bestattungssitten der Cucuteni-Tripol’e-Kultur zum derzeitigen Stand der Forschung jedoch nicht klar definiert werden kann.

In den folgenden Kampagnen soll ein Bezug zwischen den einzelnen Wohneinheiten hergestellt und feinchronologische Daten innerhalb der Siedlung gewonnen werden: Zeichnet sich eine sukzessive Ausweitung der Besiedlung über Generationen hinweg ab oder wurden die Großsiedlungen, hier als Stichprobe Petreni, tatsächlich nach relativ kurzen Besiedlungsphasen aufgegeben? Dem übergeordnet sind ausgehend von der Siedlungsstruktur Rückschlüsse auf die soziale Organisation der Cucuteni-Tripol’e-Gesellschaft zu erwarten.

Eine weiterführende Fragestellung ist außerdem, welchen Stellenwert Petreni innerhalb der Siedlungskammer des nördlichen Bereichs der Bălţi-Steppe einnahm.

 

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Forschungsziele

Das Projekt Petreni möchte sich der Bestimmung der Gesellschaftsstruktur auf Ebene des Siedlungswesens annähern und einen Beitrag zum gesellschaftlichen Status Quo einer Cucuteni-Tripol’e-Siedlung liefern.

Methoden

Die Rekonstruktion der Siedlungsstruktur wurde in den Jahren 2010–2011 durch geophysikalische Prospektionen vervollständigt. Sie präzisierte die Luftbildauswertungen der 1970er Jahre und erbrachte eine Besiedlungsfläche von ca. 33 ha.
Für ein besseres Verständnis der Siedlungsgenese soll ein engmaschiges Netz an Radiokarbondatierungen gewonnen und durch feinstratigraphische Beobachtungen ergänzt werden. Untersuchungsverfahren der Archäobotanik, Archäozoologie, Archäometallurgie sowie der Anthropologie sollen Funktions- und Wirtschaftsbereiche innerhalb der Siedlung definieren.

  

Ergebnisse

Auf Grundlage von Luftaufnahmen wurde im Abgleich mit geophysikalischen Oberflächenprospektionen einzelner Teilbereiche der Siedlung im August 2011 eine erste Sondage (8 x 8 Meter) angelegt, welche die Hälfte eines Hauses beinhaltete. Darüber hinaus wurde parallel zu den geophysikalischen Messungen ein Oberflächensurvey in zwei Arealen durchgeführt.
Im darauf folgenden Jahr konnte dieses Haus mitsamt der dazugehörigen, nördlich angrenzenden Grube vollständig ausgegraben werden. Darüber hinaus wurde der äußere Graben im Südostbereich der Siedlung in einer kleinen Sondage ergraben.

2012 und 2015 wurde darüber hinaus die Außenmauer eines ca. 20x20m umfassendes Gebäudes in einem Teilbereich freigelegt. Erstmals in der Erforschung der Cucuteni-Tripol´e-Kultur konnte eine massive, ca. 40-60cm breite Mauer unter dem gebrannten Lehmdebris des Hauses freigelegt werden. Sie weist unter den gebrannten Hausüberresten neun ungebrannte Lehmziegellagen auf.

Erste 14-C-Datierungen stellen die Siedlung Petreni an den Beginn des 4. Jahrtausends v. Chr.

 


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