Reihe Bestattungsriten – Teil 05: Die Türme des Schweigens

Einleitung:

Sie sind in Europa beinahe unbekannt, und sind doch Bestandteil der ältesten, noch praktizierten, Begräbnisriten der Welt. Die Rede ist von den geheimnisvollen „Dahme“, den Türmen des Schweigens. Einst von den Anhängern Zarathustras eingeführt, sind sie vom antiken Persien, über Afghanistan und Pakistan, bis nach Nordindien verbreitet. Sie gelten als bestes Beispiel für Himmelsbestattungen und haben seit ihrer Entdeckung für viel Verwunderung gesorgt. Ein schönes Beispiel dafür, wie stark sich Jenseitsvorstellungen von der Unseren unterscheiden können. Ich selbst habe bei mehreren Reisen in den Iran das Glück gehabt, mehrere dieser Türme, welche in der Nähe des großen Feuertempels im Zagrosgebirge gelegen sind, bestaunen zu können.

– Sebastian Jenesl


Artikel:

Der Begriff Dachma (persisch دخمه, DMG daḫme) bedeutet auf persisch Grab(mal), bezeichnet aber vor allem Bauwerke, die auch Türme des Schweigens genannt werden und den Zoroastriern als Stätten für Himmelsbestattungen dienen.Bei den Parsen und anderen Zoroastriern ist es üblich, Leichname in runde Türme zu legen, wo Fleisch und Weichteile von Vögeln, z. B. Geiern oder Raben, gefressen werden.Die Himmelsbestattung ist als Form der Luftbestattung eine in verschiedenen Ländern Zentralasiens praktizierte Bestattungsart. Objektiv begründet ist sie durch für eine Erdbestattung zu harte Steppenerde und für eine Feuerbestattung den Mangel an Brennholz. In der Tradition sind dann die ethischen Grundsätze und religiösen Begründungen dazu entstanden.

faravahar

In der neolithischen Siedlung von Çatalhöyük in der Türkei fanden sich eine Wandmalerei, die kopflose Leichname und Geier darstellt. Dies wird als eine absichtliche Entfleischung durch Geier gedeutet, dagegen spricht jedoch die Anwesenheit einer größer dargestellten Figur, welche die Vögel mit einer Schleuder anzugreifen scheint. Gewöhnlich wurden Leichen im Innern der Häuser in Lehmbänken bestattet. Klaus Schmidt, der Leiter der Ausgrabung der Siedlung auf dem Göbekli Tepe, hält es für möglich, dass das Bauwerk auch als Dachma verwendet wurde.

Ursprünglich wurden die Leichname einzeln als „Sonnenbestattung“ an wasser- und pflanzenlosen, erhöhten Stellen auf Felsen abgelegt, die mit kleinen Mauern umgeben wurden. Diese Ummauerungen sollten verhindern, dass die Toten von Landraubtieren gefressen wurden, denn erwünscht war nur der Verzehr durch Vögel. Der runde Turm – Dachma, welcher der ganzen Gemeinde diente – ist erst seit islamischer Zeit belegt. Bei Berg-Dachmas handelt es sich um Ummauerungen von Felskuppen ohne weitere Ausschmückungen. Die durch die Vögel, aber auch Wind und Wetter freigelegten Knochen wurden dann in Felsgruben oder in steinernen Kisten, sogenannten Astodanen, gesammelt. Dachmas finden sich heute noch in Iran und Indien. Zum Beispiel in Mumbai am Malabar Hill gibt es mehrere Dachmas.Viele Autoren erklären diese Bestattungsform damit, dass den Parsen neben Luft und Wasser auch Erde und Feuer heilig sind, also nicht durch den unreinen Leichnam verunreinigt werden dürfen, so dass sich Erd- und Feuerbestattung verbieten. Steht keine Dachme zur Verfügung, bevorzugen die Parsen die Feuerbestattung. Dagegen lassen sich die persischen Anhänger Zarathustras, seitdem ein Verbot in den siebziger Jahren ihnen die Benutzung ihrer Türme des Schweigens für die „Geierzeremonie“ – etwa in der Gegend von Yazd – unmöglich machte, um die Erde nicht durch von Vögeln fallengelassene Leichenteile zu verunreinigen, in Betonsärgen oder in mit Beton ausgekleideten Gräbern bestatten.

dachma

Die Himmelsbestattung ist bis heute in Tibet am meisten verbreitet. Der Leichnam wird einige Tage im Haus weiter symbolisch mit Essen versorgt. In dieser Zeit von drei bis fünf Tagen wird dem Toten von einem Lama aus dem Tibetischen Buch der Toten vorgelesen, um die Seele des Toten zum Verlassen des Körpers zu bewegen. Am Tag der Bestattung wird der Leichnam nach einer letzten Beschwörung des Lamas noch vor Sonnenaufgang zum Bestattungsplatz gebracht. Dort wird der Körper von den Leichenbestattern, den Ragyapas, zerteilt und den – zuvor angelockten – Geiern zum Fressen überlassen. Diese tragen nach tibetischer Vorstellung den Verstorbenen ins Bardo, einen Zustand zwischen dem Tod und der Wiedergeburt. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war die Himmelsbestattung auch in der Mongolei und bei den benachbarten Steppenvölkern üblich. Es handelt sich dabei um einen schamanistischen Brauch, mit einer jahrhundertealten Tradition schon vor der Einführung des Buddhismus.

Im Unterschied zu Tibet wurde der Körper hier nicht zerkleinert, sondern als Ganzes in die Steppe gelegt. Beim Transport durfte er nicht durch die Tür der Jurte getragen werden, da die Schwelle ein Hindernis für seinen Geist darstellte. Stattdessen wurde neben der Tür das Scherengitter der Wand geöffnet, um einen Durchlass zu schaffen. Die Geschwindigkeit, mit der Vögel und andere Wildtiere den Leichnam beseitigten, galt als Indikator für den Lebenswandel des Verstorbenen. In der Zeit des Sozialismus wurde dieser Brauch bekämpft, zugunsten der Erdbestattung im europäischen Stil. Diese hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts als die übliche Bestattungsform weitgehend durchgesetzt.

Werbeanzeigen
Einmalig
Monatlich
Jährlich

Einmalig spenden

Monatlich spenden

Jährlich spenden

Wähle einen Betrag aus

€1,00
€5,00
€10,00
€1,00
€5,00
€10,00
€1,00
€5,00
€10,00

Oder gib einen individuellen Betrag ein


Wir wissen deine Spende sehr zu schätzen.

Wir wissen deine Spende sehr zu schätzen.

Wir wissen deine Spende sehr zu schätzen.

SpendenMonatlich spendenJährlich spenden

2 Antworten auf „Reihe Bestattungsriten – Teil 05: Die Türme des Schweigens

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s