Pfad in die Ewigkeit – Die Bestattung von Seuthes III., König der Thraker

Einleitung:

Von den Griechen wurden sie als Barbaren bezeichnet, als Wilde verunglimpft und die Redensart „trinken wie ein Thraker“ wurde zum Synonym für ungezügelten Alkoholgenuss. Nur wenig ist über dieses mysteriöse Volk bekannt, hinterließen sie doch keine originären schriftlichen Zeugnisse. Alles was wir von den Thrakern wissen, erfahren wir entweder durch ihre Feinde, die Griechen, oder aus ihren reichhaltigen Grabfunden im heutigen Bulgarien. Und was wir hier finden, zeichnet ein ganz anderes Bild, als Herodot und Strabon uns glauben machen wollten. Es zeichnen sich die Umrisse einer hochentwickelten und uralten Kultur ab; bis zu ihrem tiefsten Kern von Mythen und Kulten durchdrungen. Grundzüge der thrakischen Kultur, wie bspw. das Sakralkönigtum oder die zahlreichen Mysterienkulte gehen möglicherweise direkt auf Indo-Europäische Einwanderer zurück, welche dieses Gebiet 3000 Jahre früher bewohnten. Begleiten Sie mich auf der Reise druch das legendäre Grabmal ihres größten Königs, zu geheimnisvollen Mysterien und bis zurück an den Ort, an dem einige der bekanntesten griechischen Götter das Licht der Welt erblickten.

– Sebastian Jenesl


Artikel:

Das Grabmal des Seuthes:

Die Grabstätte des thrakischen Königs Seuthes III. befindet sich auf dem Hügel „Golyamata Kosmatka“, 1 km südlich von der Stadt Shipka und 12 km nördlich von der Stadt Kazanlak entfernt. Sie wurde im Jahre 2004 entdeckt.

Das Hügelgrab wurde in der zweiten Hälfte des 5. Jh. v. Chr. errichtet. Es fanden sich die goldene Krone des Herrschers, ein goldener Kylix (Weinkelch), Knieschützer und Helm, Applikationen für Pferdezaumzeug, u.a.. die alle im Historischen Museum von Kazanlak ausgestellt sind. Bemerkenswert ist der symbolisch vor der Fassade beigelegte, recht detaillierte Bronzekopf der Seuthes-Statue. Er ist ein wichtiger Beweis der orphischen Rituale der Thrakier.

BULGARIA-ARCHEOLOGY-ZLATINITSA-THRACIAN
Die goldene Krone des Seuthes, bei ihrer Freilegung in Kazanlak

Das Grabhaus setzt sich aus einem Flur, einem Vorraum, einer runden Kammer mit hoher Kuppel und einer rechteckigen Kammer zusammen. Die rechteckige Kammer wurde wie ein Sarkophag aus zwei monolithischen Steinblöcken, von denen einer über 60 Tonnen wiegt, gebaut. Alle drei Räume sind mit rechteckigen Steinblöcken errichtet und mit Steinplatten bedeckt. Eine zweiflügelige Marmortür schließt den Eingang zur runden Kammer. Die oberen Teile der Türflügel sind mit dem Antlitz von Dionysos geschmückt – auf dem Ostflügel ist er die Personifizierung der Sonne, auf dem Westflügel die der Erde und der Nacht.

In der rechteckigen Kammer befinden sich die Ritualbahre und der Ritualtisch. Sie wurden mit einem aus Goldfäden gewebtem Stoff überzogen, wo die prächtige Bestattung des Herrschers vollzogen wurde. Auf der Phiale (Opferschale), dem Krug und dem Helm steht der Name von Seuthes, was beweist, dass zum Anfang des 3. Jh. V. Chr. hier der berühmte thrakische Herrscher des Odrysen-Königreiches Seuthes III. bestattet wurde. Die Hauptstadt seines Königreichs war Seuthopolis (bulgarisch Севтополис) und befindet sich etwa 10 km südwestlich der Grabstätte, auf dem Grund des Sees Koprinka. In dem Grab wurde der Kopf der Seuthes-Statue, welche auf einem Podest in der Residenzstadt Seuthopolis stand, beigesetzt.

In der Kammer wurden sorgfältig die persönlichen und für das Nachleben notwendigen Gegenstände und Gaben des Herrschers angeordnet. Bei der Beisetzung wurde der Eingang zur runden Kammer und des Vorraumes zugemauert, das Pferd des Königs wurde geopfert, während der Flur rituell in Flammen gesetzt wurde. Die Grabstätte ist ein Teil des „Tals der thrakischen Könige“, das noch das Fürstengrab von Kazanlak, als auch die Gräber und Tempel, die auf den Hügeln Golyam Arsenalka, Shushmanets, Hervetsiya, Grifoni, Svetitsa und Ostrusha entdeckt wurden, einschließt.

Der Gott Dionysos in Thrakien:

Was verbindet nun den Gott Dionysos mit Thrakien, abgesehen von der offensichtlichen Vorliebe für Wein? Zunächst muss man wissen, dass der Weinbau und die Herstellung dieses Getränkes von Thrakien aus nach Griechenland kam. Die bulgarische Tiefebene ist die eigentliche Heimat des wilden europäischen Weinstockes und Analysen haben ergeben, dass die in Griechenland vorkommenden Weinsorten aus den thrakischen Trauben gezüchtet wurden. Zur Hochzeit der Thraker, etwa 1500 v. Chr., gab es noch keine griechische Hochkultur, zumindest nicht im Sinne der klassischen Gräziologie. Griechenland bestand zu dieser Zeit aus vielen kleinen, mit einander im Streit liegenden Stadtstaaten, wie uns Homer auch in seiner Ilias überliefert. Namentlich wären da zu erwähnen: Mykene, Sparta, Larissa, Attika, Iolchos, Eleusis und viele mehr. Es war die sog. „Archaische Periode“ Griechenlands, also der Zeitraum, in welchem sich die Sagen, Legenden und Überlieferungen, welche wir heute mit den antiken Griechen in Verbindung bringen, erst bilden mussten. Oder, um es mit den alten Dichtern zu sagen: es war die Zeit der Titanen. In Thrakien jedoch herrschte bereits eine gewisse systematische Ordnung, vor allem im Geistesleben. Nun unterscheidet sich die Thrakische Religion in ihrer Ausübung ganz entschieden von dem, was wir aus der europäischen Geschichte gewohnt sind.

Waren die Tempel und Schreine griechischer oder römischer Götter der Allgemeinheit zugänglich, so herrschten in Thrakien die Mysterienkulte vor. Die innersten Geheimnisse dieser Gesellschaften waren nur den Eingeweithen zugänglich; für Außenstehende zeichneten sie sich vor allem durch ihre ausgefeilten Rituale aus. Belegt für das Thrakien des 2 Jtd. v.Chr. sind, unter anderem, der orphische Mysterienkult (dem exklusiv auch der König angehörte), der apollonische Kult, der artemisische und eben auch ein dionysischer Mysterienkult. Letztere, welcher vor allem von Frauen (in Griechenland verächtlich Mäanade, „Rasende“, genannt) getragen wurde, zeichnete sich durch extatische Tänze und Feiern, starken Weingenuss und Ausschweifungen aus, welche den rationalen Griechen vermutlich im wahrsten Sinne die Schamesröte ins Gesicht trieben.

Im Laufe mehrer Jahrhunderter intensiver Handelbeziehungen jedoch, kamen sowohl die Weinpflanzen (und mit ihr Kenntnisse über den Anbau und die Verarbeitung) nach Hellas, wie auch die Legenden um den Gott des Weines selbst. Liest man die Mythen des Dionysos, aber auch die Legenden um Apollon und Artemis, mit offenen Augen, so erkennt man das es sich um ganz und gar untypische Götter für Griechenland handelt. Ihnen ist eine Lebenslust und, ja, man kann sagen Menschlichkeit eigen, welche den originär griechischen Göttern wie Poseidon oder Ares komplett fehlt. Zur Vertiefung dieses Themas empfehle ich jedem Interessierten die Mythen über die Reisen des Dionysos einmal mit den Augen eines Historikers zu betrachten.

Die sprechenden Schädel:

Zuletzt, stellt sich noch eine Frage. Im vorliegenden Artikel wird erwähnt, dass die Statue des Seuthes bei dessen Tod rituell enthauptet wurde. Aber warum sollten die Thraker ihren großen König köpfen? Dies wiederspricht jedem Religionsverständniss unserer aufgeklärten Gesellschaft. Doch für die Thraker war es nicht nur eine logische Handlung, nein, die Enthauptung war für die Unsterblichkeit des Seuthes von existenzieller Wichtigkeit.

Rufen wir uns das Bild vor Augen, welches sich bei der Öffnung des Grabes geboten haben muss: Die eigentliche Grabkammer zugeschüttet, der Kopf des Königs vor der Tür aufgebahrt, mit geöffnetem Mund. Zum Verständnis dieser religiösen Bildersprache ist es wiederum notwendig, sich mit einem weiteren Aspekt der oben erwähnten Mysterienkulte zu beschäftigen: Dem Orphischen Mysterium. Erinnern wir uns, der begnadete Sänger Orpheus stieg in den Hades hinab, um mit seinem Gesang seine Gefährtin Eurydike wieder in die Welt der Lebenden zu führen. Das ihm dies nicht gelang, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist jedoch der weitere Lebensweg des Künstlers: Todunglücklich über den endgültigen Tod Eurydikes sucht Orpheus Zuflucht im Heiligtum des Dionysus in Perperek, in Thrakien. Dort sitzt er, spielt auf seiner Leier und singt vom Verlust. Eine der Priesterinnen des Dionysos jedoch erkennt den thrakischen Prinzen. Da der Orphische Kult als Königskult exklusiv nur Männern ôffenstand, der Kult des Dionysos jedoch als Domäne der Frauen betrachtet wurde, wird diese Priesterin vom Zorn auf Orpheus übermannt und im Wahn reist sie ihn in Stücke. Oprheus’s Kopf wird dabei vom Rumpf getrennt, landet auf den Stufen des Tempels und singt dennoch weiter. Mehr noch, aus seinem Munde ströhmen Weisheiten über Leben und Tod, über die Geheimnisse des Seins. Tiere und Menschen finden sich ein um dem geheimen Wissen zu lauschen, um Weissagungen zu erhalten. Dies ist der Ursprung des oprhischen Königs-Kults, denn jeder thraksiche König wahr ja ein Nachkomme des Orpheus. Mit der rituellen Enthauptung, machten die Untertanen des Seuthes ihren König dem legendären Stammherren gleich, sie schufen ein Orakel, welches die Weisheit des toten Königs an seine Nachfolger weitereichte.


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Eine Antwort auf „Pfad in die Ewigkeit – Die Bestattung von Seuthes III., König der Thraker

  1. Hi,
    also ich finde deine Post hier sehr interessant und stöbere gleich noch ein bisschen weiter.
    Aber ich finde deine Zeitangabe „Hochzeit der Thraker etwa 1500 v. Chr.“ sehr sehr problematisch.
    Ich sehe deren Zeit eher zwischen 1000 und 300 v. Chr., also genauer gesagt bis Alexander der Große erscheint, vielleicht noch mit einer römischen Spätphase.
    Gerade die als wahr dargestelle Zeitangabe liegt locker ein halbes Jahrtausend vor allen verfügbaren Belegen und erzeugt so eine völlig anderes Bild der Geschichte.

    Mir sind keine archäologischen Überreste von 1500 v. Chr. bekannt die klar als Thrakische Kultur klassifiziert werden könnten. Mir ist auch nicht bekannt das es zu dieser Zeit irgendwelche Hinweise auf Dionysos oder Apollon oder gar Heiligtümer in Thrakien gegeben haben soll und auch die Gräber der Könige, Heiligtümer oder Überlieferungen sind deutlich später zu datieren. Müsste da nicht irgendwie mehr zu finden sein?

    Ich bestreite nicht das es dort Menschen gab, die auch große Wallburgen oder Siedlungen errichtet haben. Sicherlich waren sie auch in Stämme organisiert die möglicherweise auch Könige hatten, aber das trifft für viele Gebiete Europas in der Spätbronze zu. Ob sie weiter als die Griechen jener Zeit waren? Also eigentlich war um 1500 v. Chr. die Hochzeit der Mykener die bis zum Fall von Troja und den Epigonenzug die griechische Mythologie beherrschten. Der Begriff Grieche wird ja erst zur Antike populär.

    Klar ist für mich auch das Thrakien aufgrund der Nähe zu Anatolien sicherlich weiter entwickelt waren als z.B. Mitteleuropa, aber gab es um 1500 v. Chr. überhaupt schon eine Thrakische Kultur?

    Herodot starb um 430/420 v. Chr. und Homer´s Ilias wird auf etwa 850 v. Chr. geschätzt.
    Ab dem Trojanischen Krieg würde ich also schon von einer Thrakischen Frühzeit reden.
    Erst um 400 v. Chr. sind Thraker bei den Griechen relativ präsent.
    Für mich ist die Zeit vor dem Trojanischen Krieg eher eine bislang sehr unverstandene Periode Südost-Europas mit wenig belastbaren Fakten.

    Erst das 6. Jhd. v. Chr. (Beginn der Antike) wird wieder klarer, da einerseits die Griechen beginnen im Schwarzen Meer zu siedeln, wo sie auf Skythen trafen und zweifellos auch mit Thrakern kooperieren. Andererseits verschieben die Perser die Machtstrukturen im Nahen Osten und beerben nicht nur die Assyrer, sondern führen auch große Schlachten im Nordosten ihres Reiches gegen die Massageten, die Dareios später besiegte. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Expansion der Perser 512 v. Chr. an die Macedonische Küste, wo sie persische Truppen stationierten um die Gefolgschaft der Macedonen zu sichern (weshalb Alexander ja auch die Perser hasste). Aus dieser Zeit geht Teres I. als erster bekannter König in Thrakien hervor, aber vielleicht war das auch nur ein Stadtstaat an der Küste?
    Also erst als die persische Präsenz in Europa überwunden wurde, entsteht das Odrysenreich als mächtiges Flächenreich der Thraker um etwa 450 v. Chr. Doch nur 110 Jahre später wird es durch Alexanders Vater angegriffen und 341 v. Chr. Teil des Macedonischen Reiches das nun die Führung des Griechenbundes übernimmt.
    Äußerst problematisch sind auch viele Behauptungen zur Thrakischen Sprache die nicht mal genug Material her gibt um als Trümmersprache irgendeiner IE-Familie zugeordnet werden kann.
    Wenn du also über die Thraker schreibst, dann wäre es sinnvoll auch einen realistischen Zeitrahmen zu setzen und Beispiele belegbare thrakische Geschichte zu erwähnen.
    Ich hoffe du siehst das als Anregung, denn ich würde gern mehr von dir lesen.
    Bleib gesund und ps: ich hab auch schöne bearbeitete Mappa Mundi´s online.

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