Reihe Bestattungsriten – Teil 09: Das Hügelgrab

Einleitung:

Für die meisten Geschichtsinteressierten ist es das Erste was ihnen in den Sinn kommt, stellt man die Frage nach frühgeschichtlichen Bestattungen: das Hünen- oder Hügelgrab. Diese Form der Grablege ist wie keine Zweite zu einem Synonym für die Altertumsgeschichte Europas und Zentralrusslands geworden, welche in ihrer kulturhistorischen Bedeutung durchaus mit den Pyramiden Ägyptens konkurrieren kann. Der Bau eines Hügelgrabes stellte eine herausragende Leistung ganzer Populationen dar, welche für den jeweiligen Herrscher erbracht wurde. Von ihrer zeitlichen Einordnung her waren Grabhügel von dem frühen Neolithikum bis in das frühe Mittelalter in Gebrauch. Dieser Fakt macht sie zu den vermutlich am längsten genutzten Grabanlagen der Menschheitsgeschichte.

– Sebastian Jenesl


Artikel:

Ein Hügelgrab oder ein Grabhügel (latein. tumulus, Plural tumuli) ist eine gestreckte, runde oder ovale Erdaufschüttung, unter der bzw. in der sich Grablegen oder andere Vorzeitmonumente befinden. Bei den Gräbern kann es sich um Körperbestattungen (ggf. im Baumsarg), Urnengräber oder ausgestreuten Leichenbrand handeln. Die Hügel können Einbauten (z. B. aus konzentrischen Kreisen, Gebäuden (Grabhügel von Trappendal) oder Steinkisten) haben. Die in Deutschland nicht vorkommenden steinernen Versionen der Hügel heißen Cairns (franz. Tumuli de pierres), in Dänemark Gravrøser. Die altertümlichen Hügelgraber Nordamerikas werden als Mounds, die für den Osten Niedersachsens charakteristischen Hügelgräber als Buckelgräber bezeichnet.

Grabhügel können weder zeitlich noch regional eingegrenzt werden. Es gibt sie in Europa regional beinahe durchgängig ab der Steinzeit über die Bronzezeit bis in die Eisenzeit und das Mittelalter. Auch Schriftkulturen kannten den Grabhügel. Die Griechen warfen in der Antike für ihre Helden ebenso Grabhügel auf wie die Etrusker und die Römer.

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Griechischer Grabhügel in Kleinasien

In Eurasien gibt es Hügelgräber in zahlreichen Ländern und Kulturen. Die größten Grabhügel sind wohl die Hügel über den Gräbern der frühen chinesischen Kaiser. Sie enthalten riesige unterirdische Grabanlagen. Die bekannteste ist das Mausoleum Qin Shihuangdis. Auch bei vielen Ureinwohnern Amerikas waren Hügelgräber vor der Ankunft des Christoph Kolumbus üblich.

Während der mittleren Bronzezeit dominierte in Mittel- und Westeuropa sowie dem Karpatenbecken diese charakteristische Grabform. Die Hügelgräber konnten von kreisrunden mitunter konzentrischen oder Schlüssellochgräben, Pfostensetzungen oder Mauern umgeben sein; in den Hügeln konnten sich Einbauten aus Stein oder Holz befinden. Die Einbauten umgaben zumeist die Toten oder den Sarg/die Urne. Aus diesem Grund wird der Terminus der Hügelgräberkultur oder auch der Hügelgräberbronzezeit in der deutschsprachigen Forschung zum Teil synonym mit dem Begriff der mittleren Bronzezeit verwendet. In den Hügelgräbern der Mittelbronzezeit wurden die Menschen auf zwei verschiedene Weisen bestatten: es gab Körperbestattungen und Brandbestattungen, wobei in den meisten Regionen Mitteleuropas die Körperbestattungen in dieser Zeit deutlich überwiegen.

Bei Körperbestattungen wurde der Körper entweder direkt auf die Erde gelegt oder in eine Grabgrube, danach wurde der Grabhügel aufgeschüttet. Meistens wurden die Körper nicht im Sarg bestattet, und auch die oben erwähnten Einbauten waren nur optionale Bestandteile der Grabhügel. Bei Brandbestattungen gab es mehrere Optionen: entweder wurden die Toten auf einer separaten Verbrennungsplattform verbrannt (teilweise mit Beigaben), oder sie wurden direkt am vorgesehenen Bestattungsort verbrannt. Die Asche und die Überreste der Knochen wurden entweder in Urnen oder Behälter aus organischem Material (z. B. Leder) gegeben, oder einfach auf der Erde liegen gelassen. Danach wurde der Grabhügel aufgeschüttet. Mitunter finden sich auch Doppel- oder Mehrfachbestattungen in einem Grabhügel. In manchen Regionen wurden regelmäßig spätere Bestattungen in ältere Grabhügel eingetieft und dabei der Hügel zum Teil mit nachträglichen An- oder Aufschüttungen vergrößert.

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Luftbild des Hügelgrabes des Nintoku-Tennos, Japan

 

Solche Befunde geben den Archäologen, wenn sie fachmännisch ausgegraben werden, wertvolle Hinweise auf die zeitliche Abfolge der verschiedenen Bestattungen in einem Grabhügel. Die Grabbeigaben waren für Männer und Frauen unterschiedlich: Frauen wurde im Bereich der mitteleuropäischen Hügelgräberkultur meist zwei oder mehr Nadeln und Schmuckgegenstände mitgegeben; Männer hatten meist nur eine Nadel im Grab, wurden dafür aber oft auch mit Waffen bestattet.

Neolithikum

In Mittel- und Nordeuropa war die Bestattung unter dem Erdhügel abgesehen von denen der Frühphase der TBK für die späte Einzelgrabkultur, die schnurkeramische oder bzw. Streitaxtkultur und Kugelamphoren-Kultur typisch, kam aber auch in der Baden-Boleraz-Kultur vor, die u. a. auch die ersten Metalle zu den TBK lieferten.

Bronzezeit

Es folgten die Hügel der Hügelgräberkultur in der mittleren Bronzezeit. Die Hügelgräberkultur fasst verschiedene lokale Kulturgruppen der Bronzezeit vom Karpatenbecken bis zum Rheinland zusammen, bei denen Grabhügel üblich waren. In Norddeutschland sind bronze- oder eisenzeitliche Grabhügel mit doppeltem Kreisgraben, oder als Grabhügel mit Schlüssellochgraben umschlossen, wie die Plaggenschale bei Osnabrück. Die Grabhügel im Wald von Bremlevænge auf Langeland sind mit einfachem oder doppeltem Steinkränzen gefasst. Zu den wichtigsten Grabhügeln gehören die Fürstengräber der Aunjetitzer Kultur z. B. der Fürst von Leubingen. Einige Grabhügel sind auch in Anatolien belegt. Daneben gehören die Kurgangrabhügel der Maikop-Kultur in diese Zeit, wobei die Maikop-Kultur bereits eine Kultur der Arsenbronze war, also in Bezug auf Metall viel weiter entwickelt war. Der größte Grabhügel der Bronzezeit in Norddeutschland ist der Dobberworth bei Sagard auf der Insel Rügen mit einer Höhe von 15 Metern einem Durchmesser von 40 Metern und einem Volumen von 22.000 m³.

Eisenzeit

In der frühen Eisenzeit (Hallstattzeit) gibt es Hügelgräber wie am Magdalenenberg bei Villingen-Schwenningen aus der Stufe Hallstatt D1, dendrochronologisch datiert am Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. Der Grabhügel 1 von Eichlehen im Frankfurter Stadtwald barg über 20 Gräber der Stufen Bronzezeit B bis Hallstatt D. Auch das keltische Fürstengrab von Glauberg zählt zu den beeindruckenden Grabhügeln jener Zeit. Bedeutende Tumuli gab es bei den Mykenern. So wurde z. B. der Vater von Alexander dem Großen Philipp II. von Makedonien in einem mächtigen Tumulus begraben. Ähnliche beeindruckende Grabhügel findet man auch bei den Karthagern in Nordafrika. Mengen von Grabhügeln sind auch im Gebiet des unteren Don, Dnepr und Kuban, sowie bei Kertsch auf der Krimhalbinsel zu finden, die sowohl von Bolgaren, von Germanen (überwiegend wohl Goten), Kimmerern und vermutlich auch Alanen stammen. Diese Grabhügel sind bestenfalls durch Datierung zuzuordnen. Auffällig sind hierbei auch Grabbeigaben, die einem griechisch-skythischen Stil entsprechen und die Verschmelzung mit den Griechen am Pontus dokumentieren.

Grabhügel mit flacher Kuppe

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Thrakisches Hügelgrab mit abgeflachter Spitze in Bulgarien

Diese Grabhügel sind von den Dansehøjene, die einer Plattform ähneln, zu unterscheiden. Kong Rans Høj auf dem Friedhof von Randbøl westlich von Vejle in Südjütland hat eine flache Kuppe und ist ein Dansehøj. Seine Untersuchung ergab, dass er über einem Grab der Bronzezeit errichtet wurde.

Grabhügel mit flacher Kuppe stammen dagegen aus der dänischen Eisenzeit und sind bis ans Ende der Wikingerzeit nachzuweisen. Sie unterscheiden sich sehr deutlich von den sphärischen Grabhügeln früherer Zeiten. Von den ältesten Hügeln (etwa 200 n. Chr.) bei Himlingøje auf Seeland sind vier von ursprünglich sieben erhalten. In zweien fand man einen Mittelpfahl. Einer enthielt einen kleinen Aufbau von Steinen auf der Hügelsohle. Auf Vorbjerg Bakke nordwestlich von Horsens liegt eine Gruppe von acht großen Hügeln mit flachen Kuppen. In einem fand man ein Grab aus der jüngeren römischen Eisenzeit, einen kräftigen Mittelpfahl und einen großen Bautastein. Umgefallene Bautasteine lagen auf dreien dieser Hügel. Man kennt sie auch von anderen Grabhügeln. Einen Bautastein auf dem südlichen der Hügel von Jelling kann man noch auf einem Bild von 1591 sehen. Auf einem Hügel bei Kongstrup auf Røsnaes Seeland steht der „Kajesten“.

Etwa 75 – das ist ungefähr ein Drittel – der auf alten dänischen Friedhöfen liegenden Hügel haben flache Kuppen. Sie lassen eine Verbindung zwischen den alten heiligen Stätten der Eisenzeit und den ältesten christlichen Kirchen erkennen. Gelegentlich wurde die flache Kuppe erst im Mittelalter geschaffen, um einen Glockenturm zu errichten (Kirchen von Birket auf Lolland und von Tandslet auf Alsen). Dies betrifft auch den Nordhügel von Jelling und den Galgebakken (Slots Bjergby) auf Seeland. Die flache Kuppe hatte eine Funktion. In der Sagaliteratur wird berichtet, dass Könige „auf einem Hügel saßen“, von dem sie Gewalt ausübten. Dies kennt man vom „Tynwald Hild“ auf der Insel Man, von dessen Kuppe bis in die Gegenwart Königswechsel bekanntgegeben und Gesetze verlesen werden. Den Brauch kennt man auch vom Lybers Høj nördlich von Lund, von dem aus die Bewohner Schonens Oluf, dem Sohn der Königin Margrethe und mehreren seiner Nachfolgern huldigten, zum letzten Male im Jahre 1610. Dass man auf den flachen Kuppen auch Tieropfer darbrachte, lassen die Knochenfunde und die christlichen Gesetze gegen Opfer auf Grabhügeln erkennen. Die Opfersitten erhielten sich bis in unsere Tage. Im Jahre 1909 wurde ein Hügel im Raundal in Norwegen ausgegraben. Sein Besitzer berichtete, dass man ein Tier geopfert habe, wenn jemand auf dem Hofe starb. Das Tier war für „Garvor“ der im Hügel wohnte. Als sein Vater starb, opferte man (zum letzten Male) eine Färse.

Grabhügel mit Nasskern

Unter den archäologisch ausgegrabenen Grabhügeln, besonders der nordischen Bronzezeit, gab es immer wieder Exemplare, die durch exzellent erhaltene Bestattungen hervorstachen. In ihrem Inneren wurden die Bestattungen durch einen ungewöhnlich hohen Wassergehalt konserviert. Zahlreiche Ausgräber berichteten von großen Wassermengen, die sich beim Anstechen des Grabhügels aus ihm ergossen. Neuere Ausgrabungen deuten an, dass solche Grabhügel mit Nasskern möglicherweise, aus noch unbekannten Gründen, von ihren Erbauern gezielt angelegt wurden. Dabei wurde durch den inneren Aufbau des Grabhügels erreicht, dass sich im Bereich der Bestattungen große Mengen Wasser sammelten und hielten. Der dadurch bedingte Sauerstoffabschluss hatte zur Folge, dass die Bestattungen sich ähnlich gut erhielten wie Moorfunde oder Moorleichen. Aktuell lassen sich diese Bedingungen nur noch schwer erforschen, da nahezu alle Grabhügel mit einem erhaltenen Nasskern bereits historisch zerstört oder nicht entsprechend dokumentiert ausgegraben wurden. Mehrjährige experimentalarchäologische Versuche im dänischen Freiland-Forschungszentrum Sagnlandet Lejre bestätigten die bei den Ausgrabungen beobachteten Bedingungen.

Scheingräber

Viele abgeplatteten Grabhügel der Eisenzeit sind Leergräber. Unter ihnen befinden sich einige der Größten des Nordens, wie der südliche Grabhügel von Jelling, der Galgebakken bei Slots Bjergby, der „Farmannshaugen“ und der „Raknehaugen“ in Norwegen. Letzterer ist 15 m hoch und der höchste nordische Grabhügel. Er bedeckte nur eine Ansammlung von Bauhölzern. Es gibt mehrere Erklärungen, warum Großhügel leer sind. In der Skjoldungesaga wird berichtet, dass sich der mythische König Sigurd I. Ring (735–756) nach einer schweren Verwundung in die Løfting, den erhöhten Aufbau im hinteren Teil seines Schiffes, legen ließ, das man in Brand steckte und aufs Meer hinausschickte. Am Strand warf man einen Hügel auf, der den Namen Ringhøje erhielt. In der Ynglingesaga berichtet Snorri Sturluson, dass man die Asche der Toten in den See werfen oder im Boden vergraben solle, und zum Andenken an hervorragende Männer solle man einen Grabhügel errichten. Andere Hügel (später Runensteine) hat man für Häuptlinge aufgeschüttet, die in der Fremde fielen.

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