Reihe Thrakien 01: Von Mythen und Kulten – Eine Einführung

„Eioneus Erbe. Rosse sah ich noch nie so schön und so groß wie die seinen. Weißer als Schnee und im Lauf so schnell wie eilende Winde. Kunstreich ist sein Wagen aus Gold und Silber gefertigt. Und mit gewaltigen Waffen aus Gold, man sieht sie mit Staunen, rückte er an. Fürwahr, nicht sterblichem Manne gebührt es, solche zu tragen, sie sind bestimmt für ewige Götter.“

 – Homer; Ilias, 10

Sie waren bereits alt, als die griechische Zivilisation noch jung war. Über das fast vergessene Volk der Thraker gehen die Meinungen weit auseinander. Sehen die Einen in ihnen die Keimzelle der europäischen Bevölkerung, das sog. „Alteuropa“, so betrachten andere sie als den Ursprung der sog. „indo-europäischen“ Kultur.

Dieser Artikel soll zunächst als kurzer Abriss dieses, sehr umfangreichen, Themenkomplexes dienen. Ich möchte versuchen, soweit mir dies möglich erscheint, eine Rekonstruktion des thrakischen Geisteslebens unternehmen und einen Einblick in diese, womöglich älteste, europäische Kultur ermöglichen. Ich bitte den geneigten Leser zu beachten, dass es sich bei den nachfolgenden Rekonstruktionen um Postulate, d.h. Herleitungen, unter Zuhilfenahme vorliegender Quellen handelt. Ich beanspruche keineswegs die Universelle Richtigkeit der nachfolgenden Überlegungen, sondern betrachte sie mehr als Interpretation, denn als der Weisheit letzten Schluss.

 – Sebastian Jenesl


Sehr zum Leidwesen der modernen Forschung entwickelten die Thraker niemals ein ausgeprägtes Schriftwesen, weshalb wir im Falle der Rekonstruktion thrakischer Kultur auf die Schriftzeugnisse anrainender Völkerschaften angewiesen sind. Die, bekanntermaßen meistzitierten, Hauptquellen unseres Wissens über die thrakische Kultur stellen die mannigfaltigen Werke der griechischen Historiker und Epiker wie Homer und Herodot dar.

Nun sind diese Quellen jedoch mit einiger Vorsicht zu genießen, ist doch zu beachten, dass zwischen beiden Völkerschaften, wenn vielleicht auch keine erbitterte Feindschaft, so doch ein angespanntes Konkurrenzverhältnis vorherrschte. Und dennoch, tief verborgen in den Mythen und Legenden des antiken Hellas finden wir Spuren dieses mysteriösen Volkes. So nachhaltig wurden die Griechen von den Thrakern beeinflusst, dass deren Götter, teils stark verfremdet, Eingang in das antike hellenistische Pantheon fanden.

Richten wir unseren Blick zunächst auf den augenfälligsten Unterschied zwischen der wohlbekannten griechischen, und der mysteriösen thrakischen Geisteswelt: Der Kult.

Rufen wir uns das Bild einer griechischen Stadt vor Augen, ihre belebten Straßen und Tempel. Bürger schlendern über den Markt, kaufen und verkaufen, und, vielleicht nach einem erfolgreichen Geschäft, besuchen sie den Tempel und opfern zum Dank ihren Göttern. So öffentlich und zugänglich waren die griechischen Götter, jedem standen ihre Tempel offen; unterhalten von einer nimmermüden Schar von Priestern.

Wie befremdlich muss dieser Umgang mit den Göttern für einen Thraker gewirkt haben. Ein jeder Bürger, gleich seinem Stand, pflegte geradezu persönlichen Umgang mit den Göttern, den eigentlichen Herren der Welt. Wir können nur spekulieren, was in unserem thrakischen Reisenden vorgegangen sein muss, so er dieses Verhalten beobachtete. Auch die Götter selbst müssen ihm seltsam angemutet haben, mit ihrer wohlfeilen, meist generösen Handlungsweise. Ein jeder konnte ihre Macht bemühen; einem jeden halfen sie, sofern der Betreffende ein ansprechendes Opfer anbot. Kam unserem Reisenden womöglich gar der Gedanke, diese unsterblichen Herren des Olymps wären nichts Anderes als Krämer, welche Gefälligkeiten gegen Tand tauschten?

Wie anders waren doch die Götter seiner Heimat. Mysteriöse, dem Gemeinen abgewandte Wesenheiten von unerreichbarer Distanziertheit. Worin lag nun jedoch der gravierendste Unterschied zwischen dem griechischen und dem thrakischen Kult?

Den Wenigsten wird der Terminus des Mysterienkultes geläufig sein; jenes Gottesverständnis, welches uns mit unseren den ererbten, zutiefst hellenistisch geprägten, christlichen Traditionen unseres heutigen Europas im tiefsten Kern unverständlich bleibt. Ein kleines Beispiel für diese, beinahe schon instinktive, Scheu vor den Mysterienkulten. Dies wird beispielsweise in der starken anfänglichen Ablehnung des Kybele-Kultes durch die römische Bevölkerung während des zweiten Punischen Krieges deutlich. Erst ein Schicksalsspruch aus den „Sibyllinischen Büchern“ konnte die Römer mit der fremdartigen Göttin versöhnen:

„Dir fehlt die Mutter; drum such – ich befehl es dir, Römer – die Mutter…“

Kybele
Römische Statue der Göttin Kybele

Doch zurück nach Thrakien: Mag es auch der Einzige, mehr oder weniger, gesicherte Fakt über diese geheimnisvolle Zivilisation sein, so hat sich in der aktuellen Forschung der Konsens durchgesetzt, dass sowohl in vor-antiker, wie auch in antiker Zeit die thrakische Religion von Mysterienkulten bestimmte war. Was ist nun diese unbekannte Ausprägung des spirituellen Lebens, welche unter Wissenschaftlern zu derartigen Kontroversen führt.

Entgegen dem, noch heute praktizierten, Prinzip einer „Volksreligion“, wie beispielsweise dem Christentum, sollte man einen Mysterienkult eher als exklusive Gemeinschaft betrachten. Den ehesten Vergleich kann man heutzutage zu der hinduistischen Praxis des Gurus ziehen: Ein kleiner, in sich geschlossener Kreis von Schülern schart sich um einen gelehrten Meister, oder einen spirituellen Führer (an dieser Stelle drängt sich geradezu eine weitere Parallele auf: man vergleiche das oben genannte Modell doch bitte einmal mit dem Bild von Jesus und seinen Jüngern). Die einzelnen Traditionen des jeweiligen Kultes waren somit der Allgemeinheit nicht zugänglich (oder, auf Griechisch:  mysterion, geheim).

Wie sind diese Kulte aber eigentlich entstanden? Nun, an dieser Stelle gehen die Meinungen stark auseinander. Rekonstruiert man einige der bekannteren Kulte, so zeichnet sich ein gewisses Muster, eine Art von Universellem Thema der fraglichen Mysterien ab. Die mystifizierten Götter zeichneten gewissermaßen da Leben der Menschen nach, erleiden Verlust, Schmerz; ja sogar den Tod. Die eigentliche Apotheose, die Transformation in ein göttliches und anbetungswürdiges Wesen, erreichten die so Verehrten erst mit der Überwindung all dieser Widrigkeiten einer, recht irdischen, Existenz. Verfolgen wir diesen Gedankengang weiter, so impliziert diese Tradition eine Abkunft der Mysterienkulte aus der Ahnenverehrung.

Als gemeinsame Merkmale der Mysterienkulte kann man ebenso die ständig wiederkehrenden Motive des Mutterkultes, des Kreislaufes von Tod und Wiedergeburt, sowie das letztendliche Erreichen der Unsterblichkeit anführen. Gerade dieser Kreislauf, welcher sich in den Riten der bekannten Mysterienkulte als omnipräsent erwiesen hat, lässt auf eine Verbindung mit dem Vegetationszyklus, d.h. dem Kreislauf von Saat und Ernte, in frühen Ackerbaukulturen vermuten. War doch den Menschen von je her das am verehrungswürdisten, dass sein Überleben sicherte.

mithraeum von ostia
DIe Halle des Mithraeums von Ostia, Kultplatz des römischen Mithrakultes

Ich möchte nun an dieser Stelle nicht zu tief in diese Materie vorstoßen; denn obwohl sich daraus mit Sicherheit höchst interessante Schlüsse ergäben, überlasse ich Spekulationen über das Seelenleben unserer fernsten Vorväter doch lieber geeigneteren Spezialisten. Dem geneigten Leser seien an dieser Stelle einige einschlägige Publikationen, sowohl von Prof. Harald Haarmann, wie auch von Marija Gimbutas, nahegelegt.

Doch nun zurück zu den Thrakern. Wie den vorangegangenen Ausführungen zu entnehmen ist, stellt sich die Religion der Thraker, im Gegensatz zu den hellenistischen Griechen, in eine originär orientalische Tradition. Ob nun Thrakien der Ursprung dieser Form religiöser Praxis war, oder diese Traditionen aus anderen Teilen der alten, vorderorientalischen Welt übernommen wurden, lässt sich heute leider nicht mit letzter Sicherheit sagen. Jedenfalls erschien den Zeitgenossen der Thraker, den hellenisierten Griechen, diese Form der Religionsausübung als derart ungewöhnlich, dass sie es als erwähnenswert erachteten. Dies wiederum spricht dafür, dass diese Praxis (zumindest im direkten Umfeld des griechischen Kernlandes) etwas Exotisches darstellte.

Noch ein weiterer Punkt unterscheidet die thrakische von der griechischen Gesellschaft, und dieser Punkt zumindest gilt als gesichert: Das Sakral-Königtum.

Kopf von Seuthes III
Kopf von Seuthes III., Thrakischer König

Dies muss für die hellenistischen Historiker wohl den größte „Kulturschock“ an der thrakischen Gesellschaft dargestellt haben. War den klassischen Griechen schon der Gedanke an einen König unangenehm, so muss die bloße Vorstellung, dass dieser in Personalunion auch noch den höchsten Priester darstellte, ihnen ein Graus gewesen sein.

Möglicherweise findet sich hier auch der Grund, weshalb die, sich selbst als weltoffen und aufgeklärt betrachtenden, Griechen ihre nördlichen Nachbarn so oft als „Barbaren“ diffamierten. Im Gegensatz zum klassischen Hellas war das Reich der Thraker in einzelne Stämme gegliedert, welche jeweils von einem eigenen König beherrscht wurden. Sie alle waren jedoch dem jeweiligen Hochkönig untertan, welcher, wie oben angeführt, auch die oberste geistliche Instanz darstellte. Die moderne Forschung geht davon aus, dass der Hochkönig mit seiner Krönung die Initiation zu einem exklusiven „Königskult“ erhielt. So wird zum Beispiel angenommen, dass während der Regierungszeit von Seuthes III. der sog. „Orphische Kult“ diesen Platz einnahm. Ob diese „königlichen Kulte“ stets von den orphischen Mysterien geprägt waren, oder je nach Person des Königs oder vorherrschendem Stamm wechselten, kann aus den vorliegenden Funden nicht mit letzter Sicherheit rekonstruiert werden.

Wenden wir uns nun, nach dieser Einleitung in die Welt der Mysterienkulte, noch dem Einfluss der thrakischen Glaubenswelt auf die griechische Religion zu. Tatsächlich sind die, mutmaßlich, thrakischen Einflüsse auf die griechische Religion recht einfach zu erkennen: Es handelt sich um die sog. „Niederen Götter“, welche einen stark thrakischen Einfluss vermitteln, bspw. die Götter Dionysos, Pan oder auch der mythische Held Herkules. Wie macht sich dieser Einfluss nun bemerkbar? All diesen (und noch vielen anderen) Gottheiten ist eine gewisse Lebensfreude, ein Genuss von Sinnesfreuden bis hin zur Ekstase, eigen, welche den originär griechischen Göttern meist fehlt. Des Weiteren zeichnen sie sich durch eine Form der ungeschliffenen Rohheit aus, welche den stark urbanisierten Griechen fremdartig angemutet haben muss. Einzige Ausnahme hiervon stellt vermutlich der Gott Apollon dar, wobei nicht gesichert ist, ob es sich um einen von den Thrakern nach Griechenland, oder von Griechenland nach Thrakien transferierten Gott handelt. Auch das wiederkehrende Motiv der Prüfung, des Todes und der anschließenden Apotheose findet sich in vielen griechischen Mythen der vorklassischen Periode. Im Folgenden wird auf die einzelnen Göttergestalten des thrakischen Glaubens, sowie auf die bekannten Mysterienkulte, noch weiter eingegangen.

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