Das Siebenstromland

„Das Land der Sieben Flüsse“, wie es in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts von dem heutzutage fast vergessenen und unbekannten, jedoch zu seiner Zeit sehr bedeutenden Historiker und Ethnograph A. Briskin genannt wurde, wird üblicherweise als Siebenstromland oder Semireč’e sowie Žetysu bezeichnet. Das Siebenstromland ist sowohl von seiner Geographie als auch von seiner Geschichte ein gut abgrenzbares Gebiet innerhalb Mittelasiens. Es gehört heute politisch größtenteils zur Republik Kasachstan, die südlichen und südöstlichen Randgebiete zu Kirgisistan und der chinesischen autonomen Region Xinjang. Dieses Gebiet erstreckt sich über eine Abdachungsebene, die im Süden an den Bergketten des nördlichen Tien-Shan, Transili-Alatau und Dsungarischen Alatau beginnt und nach Norden zu den Seen Balchasch, Sassykol und Alakol abfällt. Die östlichen Ausläufer des Dsungarischen Alatau und das Alakol-Becken dienen als Ostgrenze des Siebenstromlandes. Im Westen wird es durch die Taukum-Wüste und die Ču-Ili-Berge abgegrenzt. Dieses Gebiet stellt vermutlich die Urheimat der nomadischen Saken dar.

Dieses, dem skythischen Kulturkreis zugehörende, Volk siedelt sich spätestens in der frühen Eisenzeit in dieser Landschaft an. Dort wo nun Wein, Mandeln, Aprikosen und Feigen gedeihen, gründeten die Nomaden der sakischen Stämme ihre Städte.

Doch wer waren nun diese Saken? Herodot versteht unter diesem Begriff die persische Bezeichnung der Skythen in Zentralasien. Vermutlich ist es jedoch nicht ganz so einfach: Folgt man zeitgenössischen, persischen Quellen, wie beispielsweise der sog. Behistun-Inschrift, so wird im persischen klar zwischen Skythen („Iskuzai“) und Saken unterschieden.

Der Tigraxauda-Sakenkönig Skuncha als Gefangener des Dareios I., Behistun-Inschrift
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Die moderne russische Völkerkunde, so zum Beispiel Oßtrumow, sehen in den sogenannten „Sarten“ Nachfahren der klassischen Saken. Der Begriff „Sarte“ stammt aus dem türkischen und bezeichnet die persisch-sprachige Stammbevölkerung Turkestans. Meyers großes Koversations-Lexikon von 1905 schreibt über Sie:

Sarten, russ. Bezeichnung für diejenigen sesshaften, wahrscheinlich von den Uzbeken unterjochten iranischen Urbewohner Turkistans, die infolge ihrer Vermischung mit Arabern, Hindu und Uzbeken die charakteristischen Merkmale ihrer Rasse sowie ihre dem Persischen entstammende Sprache verloren haben.“

Auch ihre Kleidung wird eingehend beschrieben:

„Die Wohnungen sind elende Lehmhütten, die Kleidung der Männer besteht aus einem langen Gewand (Chalat), baumwollenen oder seidenen Beinkleidern, ledernen Strümpfen, einem Turban auf dem ganz kahl rasierten Kopfe. Die Frauen flechten das Haar in Zöpfe, tragen außerordentlich feine seidene Hemden, vielfach goldenen und silbernen Schmuck, auch große Ringe in einem Nasenflügel und um Handgelenke und Fußknöchel.“

Deutlicher wird die Verbindung zu den klassischen Skythen in einem Eintrag in Pierers Universal-Lexikon von 1863 zu den Tadschiken

„Der Tadschik ist wohlgebaut, mittelgroß, die Weiber zum Theil sehr schön. Die besseren Stämme sind die nomadischen. In ihrem Äußeren lieben die Tadschiken Pracht und Schmuck; Kleidung: lange, weite (oft rohseidene) Beinkleider, ein seidenes Hemde, eine baumwollene Weste, ein Gürtel mit Dolch, pelzverbrämter Reitrock; doch werden von Ärmeren auch Schaffelle zur Winterkleidung benutzt. Den bis auf einen Haarzopf geschorenen Kopf bedeckt eine schwarze, 1 1/2 Fuß hohe Mütze; der Bart wird sehr geachtet. Weiber tragen lange Zöpfe und gehen verschleiert aus. Man hält viel auf Höflichkeitsgebräuche; die linke Seite ist die Ehrenseite.“

Ähnlich lesen sich auch Herodots Beschreibungen der Skythischen Oberschicht, der sog. „Königsskythen“. Hervorzuheben sind hierbei, neben den, für die mediterranen Völker seltsam anmutenden, Hosen, vor allem die hohen Filzmützen. Von dieser Tracht leitete sich sogar eine regelrechte Kaste, sowohl in der skythischen, wie auch in der sakischen Gesellschaft, ab: Die sog. Pilophorioi („Filzmützen-Träger“), die Aristokratie.

Kataphrakten-Kleidung aus Gold aus dem Kurgan von Issyk (Jessyk) in Kasachstan.

Auch Geschichtsschreiber außerhalb der griechisch/römischen Welt und des persischen Kulturkreises kennen die Saken.

Die chinesische Überlieferung bezeichnet die Saken als Sai oder Schaka. Der Druck der von den Xiongnu vertriebenen Yuezhi teilte die Saken in zwei Gruppen und trieb die einen über den Pamir bis ins Grenzgebiet des heutigen Afghanistans und Iran (Sakastana = Sistan, um 139 v. Chr.) und die andere nach Punjab nach Nordwest-Indien.

In Sakastana/Sistan gerieten sie unter die Oberhoheit der Parther Mithridates II. (reg. 123–88 v. Chr.), mit dem sie sich verbündeten. Sie machten sich jedoch schnell den parthisch-römischen Konflikt zunutze, schnitten sich einen großen Teil des indischen Beckens und somit auch die östlichen Regionen der Indo-Parther und errichteten ein kurzlebiges Reich unter König Maues (reg. ? vor 30 v. Chr.), welches bis ca. 45 n. Chr. existierte. Wahrscheinlich blieben sie jedoch weiterhin unter parthischer Oberhoheit, da es keine schriftlichen Überlieferungen gibt, die Parther und Saken unterscheidet. Somit könnte zumindest der letzte Sakenkönig Gondophernes (reg. von ca. 19–45 n. Chr.) ein Parther gewesen sein, der mit dem Apostel Thomas nach Indien kam und selbst aktiv herrschte. In Taxila gab Maues Münzen heraus, aber möglicherweise kam er auch bis Ujjayini im heutigen Madhya Pradesh. Ihm folgten ca. 30 v. Chr. Vonones, dann der Sohn seiner Schwester, Azes I., und danach Azes II., der von Gudnaphar (Gondophernes) gefolgt wurde (siehe Hauptartikel: Indo-Skythische Dynastie).

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Indische Historiker sehen den eigentlichen Beginn der Saken-Ära ab 79 n. Chr., nachdem die Kuschanen die Indo-Parther unterworfen und nach Osten übergegriffen hatten. Die Saken wurden wieder einmal verdrängt und gezwungen, weiter nach Zentralindien hinein zu wandern. In Rajasthan kamen sie in die hinduistische Kriegerkaste der Kshatriyas, wurden assimiliert und bildeten fortan gefürchtete Nomadenkrieger und Herrscher, wofür Rajasthan lange Zeit berühmt wurde. Unter diesen Kshatrya-Königen regierten die Shaka von Ujjayini aus Teile Nordwestindiens und stellten z. B. unter Rudradaman I. (reg. ca. 130–150) eine Konkurrenz der Shatavahana-Könige dar. Dabei waren sie anfangs noch von den Kuschanen abhängig. Das Kshatriya-Reich wurde nach 397 anscheinend vom Gupta-König Chandragupta II. (reg. 375–413/15) übernommen, denn er ahmte Münzen Rudrasimha III. (reg. bis 397) nach.

Letztlich bleibt nur festzustellen, dass die archäologische Aufarbeitung des Siebenstromlandes (Semiretschensk auf Russisch) noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Allein während der kurzen Erforschungszeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sowie einigen Exkursionen neueren Datum, konnten bereits mehr als 20 Siedungsplätze innerhalb dieses Landstriches nachgewiesen werden.

Dem interessierten Leser seien die Veröffentlichung von Anton Gass über eTopoi, sowie sein Buch „Das Siebenstromland zwischen Bronze- und Früheisenzeit – Eine Regionalstudie“, im Verlag DeGruyter, ans Herz gelegt. Beide Inhalte sind per PDF verfügbar und verfügen über eine Open Access-Lizensierung.

http://edition-topoi.org/articles/details/749

https://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/204493?rskey=7G0drT

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