Reihe Bestattungsriten – Teil 10: Der Totenbaum

Wohl keine Bestattungsform der Geschichte kann auf ein derart ambivalentes Begriffsschema zurückblicken, wie der Totenbaum. Weltweit besteht eine kulturübergreifende Verbindung zwischen Bäumen und dem mittelbaren, wie auch unmittelbaren Totenkult. In nachfolgendem Artikel wollen wir versuchen, sowohl den direkten, wie auch den rituellen Kontext der Beziehung zwischen Bäumen und dem Totenkult darzulegen.

Zunächst muss die Begrifflichkeit des Totenbaumes definiert werden. Doch schon an dieser Stelle stößt man auf den ersten Stolperstein: Allein unter dem Begriff „Totenbaum“ sind zwei völlig differente Sujets zu verstehen.

Zum einen bezeichnet dieses Wort ganz einfach einen, aus einem einzigen Baum gefertigten, Sarg. Diese waren Bestattungsform war beispielsweise in der älteren Nordischen Bronzezeit in einem Bereich von Nord-Norwegen bis ca. in den Alpenraum üblich. Um Verwirrung vorzubeugen wird diese Form nachfolgend als „Baumsarg“ bezeichnet.

Zum anderen bezeichnet der Terminus Totenbaum jedoch auch die Bestattung an oder in einem Baum, oder dessen Krone. Diese Bestattungsform war beispielsweise bei einigen Ureinwohnern Nordamerikas (sog. „Waldlandindianern“) üblich. Eine Bestattung innerhalb einer Baumkrone, ob Einzel- oder Gruppenbestattung, konnte jedoch auch rituellen oder strafenden Charakter (man vergleiche die sog. „Galgenbäume“) aufweisen.

Generell lässt sich gerade im Fall des Totenbaumes keine klare Trennlinie zwischen Ritual, Konservierung und Zweckmäßigkeit ziehen.

 

Der Baumsarg:

Beginnen wir mit dem Offensichtlichsten: dem Baumsarg. Mit dieser Sargform begann vermutlich die Tradition der Erdmöbel. Im Grunde genommen handelt es sich bei dem Baumsarg nur um einen längs gespaltenen, ausgehöhlten Baumstamm, ähnlich einem als Einbaum bekannten Bootstypus. Bevorzug wurde Eichenholz verwendet; nicht nur aufgrund seiner Härte, sondern auch aufgrund der im Holzenthaltenen Gerbstoffe. Diese sind hauptverantwortlich für den teils hervorragenden Erhaltungszustand von Körpern oder Textilien in einzelnen Grablegen. Das enthaltene Tannin sorgte im Inneren des Sarges für eine, für Fäulnisbakterien lebensfeindlich, Umgebung, ähnlich der natürlichen Mumifikation von Moorleichen.

Baumsärge wurden vor allem in der nordischen Bronzezeit in Hügelgräbern deponiert, kommen aber bis ins Mittelalter vor. Einige frühbronzezeitliche Hügelgräber in Jütland nehmen eine Sonderstellung in der archäologischen Forschung ein. Die großen Hügelgräber von Borum Eshøj, Guldhøj, Muldbjerg, Skrydstrup und Trindhøj wurden in der Regel aus Torf errichtet, das über den Gräbern eine massive, feuchte Decke bildete. Eisensalze, die natürlicherweise im Torf vorkommen, schufen eine Schicht aus Eisensandstein. Die Schicht verhinderte, dass Luft in das Hügelinnere eindrang. Der Erhaltungsgrad der Skelette variiert von Hügel zu Hügel.

Alamannischer Baumsarg
Alamannischer Baumsarg

Insgesamt sind aus Dänemark und Schleswig etwa 60 Baumsärge bekannt. Sie stammen, soweit dendrochronologisch datierbar (28 Exemplare), vor allem aus der Zeit zwischen 1391 und 1344 vor Christus. Nur drei davon stammen aus jüngerer Zeit. Im Hügel von Eldsberga (Schweden) wurden zwei Baumsärge auf dem Dach eines Ganggrabes deponiert und mit einer Röse (Steinhügelgrab der nordische Bronze-, Eisen- und Wikingerzeit) überdeckt, die letztlich von einem Erdhügel bedeckt wurde.

Baumsärge wurden auch in der Völkerwanderungs- und Wikingerzeit verwendet. Sie finden sich zum Beispiel in der Schweiz in der Stadt Bülach, im Berner Münster, in der merowingerzeitlichen Kapelle Sankt Stephan im Ortsteil Biel-Mett (7. Jahrhundert) und auf dem Gebiet der Gemeinde Zillis-Reischen (8. Jahrhundert). Baumsärge wurden auch in Südtirol beim Kirchlein Sankt Zeno nahe der Burg Reifenstein gefunden. Besonders gut erhalten ist eine Reihe von Baumsärgen aus dem fränkisch-alamannischen Gräberfeld von Oberflacht bei Tuttlingen (Baden-Württemberg) aus dem 6. Jahrhundert; dort sind auf den Deckeln Darstellungen von Schlangen oder Drachen eingeschnitten. Neben dem Magdeburger Dom in Sachsen-Anhalt (eventuell Standort einer Königspfalz) wurden zahlreiche Gräber, darunter auch Baumsärge gefunden.

 

Die Baumbestattung:

Kommen wir nun zu dem zweiten Komplex: Die Bestattung in oder an Bäumen. Diese Bestattungsform kann vor allem bei Jäger- und Sammlerkulturen in stark bewaldeten Gebieten nachgewiesen werden. Neuzeitlich ist sie vor allem für die sog. „Waldlandindianer“ Nordamerikas belegt, kann jedoch auch für Wildbeuter-Kulturen wie die frühen Germanen oder baltische Stammesgruppen in borealen Regionen Europas angenommen werden.

Vorrausetzung für diese Bestattungsform ist meist ein ausgeprägter Ahnen- und Himmelskult, welcher ebenfalls sowohl für die Ureinwohner Nordamerikas, wie auch für nordosteuropäische Wildbeuter-Kulturen belegt ist.

Bei einer Baumbestattung wird der Körper des Toten zunächst auf einer Art Holzgerüst aufgebahrt und nachfolgend auf eine Art und Weise in der Baumkrone platziert, dass sowohl rituelle Handlungen vorgenommen werden können, aber auch der Zugang für Aasfresser wie Raben oder andere Raubvögel ermöglicht wird. Hierin findet sich womöglich ein ähnliches Motiv wie in den Himmelsbestattungen des persischen Kulturkreises.

Zur Verdeutlichung rufe man sich die kontextuelle Verkettung des indo-europäischen Hauptgottes (Dius-patr, „Himmels-Vater“) mit dem stets wiederkehrenden Motiv des begleitenden Raubvogels vor Augen, so zum Beispiel Zeus mit dem Adler, Odins Raben, Vishnu und Garuda, etc…

Vollendeten die Beutegreifer ihr Werk, konnte man davon ausgehen, dass der Verstorbene in das Reich der Götter, die Totenwelt, das Nachleben, usw…, eingegangen war. Hier beginnt vermutlich auch die rituelle Betrachtung der Bäume und ihre Einbindung in die Mythologien.

 

Baumbestattung Indianer Nebraska
Baumbestattung bei den Ureinwohnern Nordamerikas, hier: Nebraska

 

Der Baum im Ritual:

Auf die rituelle Bedeutung der Bäume im Allgemeinen möchte ich an dieser Stelle, schlich aufgrund des thematischen Umfanges, nur begrenzt eingehen. Im Weiteren werden hierfür noch einzelne Artikel folgen, in welchen detaillierter auf die jeweiligen Bedeutungen eingegangen wird.

Nur soviel sei gesagt: eine kontextuelle Verbindung zwischen Bäumen und einem ausgeprägten (und ausformulierten) Religions- und Ritualwesen drängt sich geradezu auf. Man nehme hierzu nur die Vorstellung des Weltenbaumes her, welcher sich in vielen Religionen findet. Meist verbindet dieser die Welt der Götter, der Sterblichen und der Toten miteinander, und fungiert somit als eine Art „Rückgrat“ des Weltengefüges.

Die_Nornen_Urd,_Werdanda,_Skuld,_unter_der_Welteiche_Yggdrasil_by_Ludwig_Burger
Die Nornen der nordischen Mythologie unter der Weltenesche

Und zu guter Letzt,

 

Der Galgenbaum:

Der Galgenbaum stellt eine Sonderform der rituellen Nutzung des Baumes als Begräbnisstätte dar, da er sowohl religiösen, wie auch strafenden Charakter aufweisen kann. Oftmals waren die Bäume Pranger und Galgenbaum in Einem, d.h. an ihnen wurde das Urteil gesprochen und auch vollzogen.  Andernfalls befand sich der Galgenbaum zumindest in der Nähe des Gerichtsbaumes. Die Strafen an Gerichtsbäumen beschränkten sich nicht nur auf „Hängen“ sondern dienten beispielsweise auch als Pranger, an dem die Verurteilten tage- oder wochenlang angekettet waren.  Auch zur Einigung von sich streitenden Parteien wurde oft der Platz unter einem Gerichtsbaum genutzt. In Deutschland waren vor allem die Linden das Symbol für Gerechtigkeit. Es wurden jedoch auch Eichen und Ulmen als Gerichtsbäume eingesetzt.

Eine Sonderform der Nutzung des Galgenbaumes für Rituale nimmt der heilige Baum des Sakralbezirkes im schwedischen Uppsala ein. Berühmt ist der Ort außerdem aufgrund der Beschreibung eines heidnischen Tempels, der sich dort laut dem christlichen Geschichtsschreiber Adam von Bremen (gestorben ca. 1081) befunden haben soll. Adam schrieb in seiner Geschichte der Hamburgischen Bischöfe (Gesta Hammaburgensis Ecclesiae Pontificum), die Schweden hätten in Uppsala einen goldenen Tempel, in dem sie die Götter Thor, Odin und Freyr verehrten. Nahe dem Tempel befinde sich ein großer, immergrüner Baum und eine Quelle, an der unter aanderem Menschenopfer dargebracht würden. Alle neun Jahre finde in Uppsala ein großes Opferfest aller schwedischen Stämme statt. Dabei würden neun von jeder art männlicher Lebewesen geopfert, u.a. Hunde, Pferde und Menschen, und in den den Tempel umgebenden Bäumen aufgehängt.

In der neueren Forschung wird aber die Schilderung Adams häufig angezweifelt. Gegen seine Darstellung spricht vor allem, daß in Gamla-Uppsala viele christliche Runensteine, die nachweislich aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts stammen, stehen. Das würde dafür sprechen, daß das Christentum dort zu Adams Zeit schon sehr verbreitet war und stellt in Frage, ob in unmittelbarer Nähe wirklich noch ein heidnischer Tempel existierte. Jedenfalls wurde laut dem Bischof Karl von Västerås (1258-71) über dem zerstörten Tempel eine Kirche errichtet. An der selben Stelle steht noch heute eine teils mittelalterliche Kirche, allerdings konnten Ausgrabungen im Bereich dieser Kirche und des Friedhofgeländes keinen eindeutigen Nachweis eines früheren Tempels erbringen.

In jedem Fall diente das Gelände von Gamla-Uppsala in vorchristlicher Zeit lange als Bestattungsstätte. Es sind mehrere unterschiedliche Grabfelder nachgewiesen worden und man geht von ursprünglich wohl mehr als 2000 Gräbern aus, allerdings wurden die meisten davon in jüngerer Zeit u.a. durch Ackerbau zerstört. In den drei großen Königshügeln wurden Brandbestattungen nachgewiesen. Der östliche Hügel enthielt einen Knochen eines 10-14jährigen Kindes unbekannten Geschlechts, Tierknochen sowie Reste verschiedener Grabbeigaben (Schild, Trinkhorn, Spielbrett und Wetzstein). Der mittlere Hügel wurde nicht näher untersucht, aber im Westhügel wurden Knochen eines Erwachsenen sowie Tierknochen (von zwei Hunden, Pferd, Schwein, Hund und Falke) gefunden, außerdem ebenfalls Reste von Grabbeigaben wie Schwert, Spielbrett und eine goldene Brosche. Die Datierung der Königshügel schwankt zwischen dem Ende des 5. Jahrhunderts n.Chr. und dem 7. Jahrhundert n.Chr.

Galgenbaum
Ein Galgenbaum während des 30-Jährigen Krieges
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