Reihe Bestattungsriten – Teil 11: Das Mädchen von Egtved

In unserer Reihe über die Bestattungsriten der Ur- und Frühgeschichte kommen wir eher selten in die Situation, uns mit einer Einzelbestattung auseinander zu setzen. Eine Ausnahme stellt hier die Grablege des Mächens von Egtved dar. Aufgrund seiner (bisherigen) Einzigartigekeit ist dieses Begräbnis durhaus eine genauere Betrachtung wert.

Was macht nun diese Grablege so besonders? Zum Einen ist das Grab in Egtved, Jütland, eines der am besten erforschten Beispiele für ein klassisches Grab der sog. Nordischen Bronzezeit.  Zum Anderen ist es die Tote selbst, welche dem Grab zu seinem Sonderstatus verhalf: Die Tote von Egtved ist die bisher einzig bekannte Fernreisende der Frühzeit, stammt sie doch nicht aus Jütland, sondern aus dem Gebiet des heutigen Schwarzwaldes. Dieser Fakt lässt Rückschlüsse auf Strukturen und Genese frühzeitlicher Gesellschaften zu.

Das Mädchen von Egtved wurde am 24. Februar 1921 von dem Bauern Peder Platz gefunden, als dieser die Reste eines kleinen Hügels beiseite räumen wollte. Dabei entdeckte er den großen Baumsarg aus Eiche in der Mitte des Grabhügels. Sein herbeigerufener Nachbar P. S. Pedersen ahnte, dass es sich um einen wertvollen Fund handeln könnte, und zusammen setzten die beiden am selben Tag einen Brief an das Nationalmuseum in Kopenhagen auf:

„Da ich beim Einebnen eines alten Hügels auf meinem Grund heute auf einen ausgehöhlten Baumstamm stieß, vermute ich, dass es sich um ein altes Begräbnis handelt und dass dieses von Interesse für das Museum sein könnte. Ich habe deshalb die Arbeit eingestellt.“

Beim Direktor des Nationalmuseums, Sophus Müller, stieß der Brief auf großes Interesse. Er bot an, den Baumsarg gegen Bezahlung abzudecken und zu bewachen, bis ein Grabungsteam im März vor Ort sein könne. Zum Leiter dieses Teams wurde Thomas Thomsen berufen, der die Ausgrabung am 5. und 6. März akribisch dokumentierte. Zahlreiche Fotos wurden vor Ort gemacht, um die einzelnen Schritte der Grabung für die Nachwelt festzuhalten. Am 7. März wurde der Baumsarg ins Nationalmuseum geschickt, wo er zwei Tage später eintraf und gründlich untersucht wurde.

In der Restaurierungswerkstatt des Kopenhagener Nationalmuseums wurde der Eichensarg von den Konservatoren Gustav A. T. Rosenberg (1872–1940) und Julius Raklev (1878–1960) untersucht. Der 200 bis 218 Zentimeter lange Baumsarg war innen auf einer Länge von 180 Zentimetern ausgehöhlt. Das Fälldatum konnte dendrochronologisch um das Jahr 1370 vor Chr. datiert werden; es ist anzunehmen, dass die Bestattung des Mädchens kurz danach erfolgte.

1280px-Egtvedpigen
Der Sarg von Egtved

Durch die speziellen Erhaltungsbedingungen in Grabhügeln haben sich große Teile des organischen Materials im Grab erhalten. So fand man zum Beispiel Pflanzenreste (Schafgarbe), die zeigen, dass die Bestattung im Sommer stattfand. Die Tote war in ein recht gut erhaltenes Kuhfell eingewickelt. Darunter kam eine große, aus Schafwolle gewebte Decke zum Vorschein, die mehrfach gefaltet auf die Tote gelegt worden war und sie vollständig bedeckte.

Auch Teile der Toten hatten sich erhalten: Dazu gehören neben Weichteilen und Zähnen der jungen Frau auch ihre Haare. Diese waren auf dem Kopf und an den Seiten kurz geschnitten, im Nacken halblang.

Das Mädchen war etwa 1,60 Meter groß und – nach neuesten Untersuchungen der Zähne – etwa 16 bis 18 Jahre alt.

Die Tote war bekleidet und mit Schmuck in den Baumsarg gelegt worden. Sie trug eine kurze Bluse mit halblangen Ärmeln, wie sie auch aus den dänischen Bronzezeit-Bestattungen von Borum Eshoj und Skrydstrup vorliegt. Diese wurde in einem Stück gewebt und im Rücken mit einer T-förmigen Naht geschlossen.

320px-Egtvedpiken
Rekonstruktion der Kleidung

Um die Hüften trug sie einen Schnurrock, das heißt einen Wickelrock aus gedrehten Wollschnüren, der auf der Hüfte saß und bis ans Knie reichte. Sämtliche Kleidungsstücke waren aus naturfarbener Schafwolle gewebt. In der Taille war eine bronzene Gürtelscheibe mittels eines langen gewebten Gürtels mit Zierquaste am Ende befestigt. Neben einem bronzenen Ohrring trug sie zwei verschiedene Armreife aus Bronze und einen Beinkamm am Gürtel.

Diese Kleidungs- und Schmuckausstattung ist typisch für gehobene Gräber der älteren Bronzezeit in Südjütland. Selbst der Schnurrock hat einige Parallelen, die jedoch alle nicht so gut erhalten sind wie in Egtved.

Am Fußende des Sarges stand eine große Dose aus Birkenrinde, in der bei der Untersuchung im Nationalmuseum in Kopenhagen noch Reste eines Getränks festgestellt werden konnten. Es handelte sich um ein mit Honig gesüßtes Bier oder um Met, Pollen von nicht weniger als 55 verschiedenen Pflanzen konnten nachgewiesen werden.

Neben dem Kopf der Toten stand eine weitere Birkenrindendose, diese enthielt die verbrannten Knochen eines etwa fünf bis sechs Jahre alten Kindes, möglicherweise eines nahen Angehörigen, eventuell ein Menschenopfer.

Im Jahre 2017 wurde die Geschichte des Egtved-Mädchens von Cassian von Salomon verfilmt.

Werbeanzeigen
Einmalig
Monatlich
Jährlich

Einmalig spenden

Monatlich spenden

Jährlich spenden

Wähle einen Betrag aus

€1,00
€5,00
€10,00
€1,00
€5,00
€10,00
€1,00
€5,00
€10,00

Oder gib einen individuellen Betrag ein


Wir wissen deine Spende sehr zu schätzen.

Wir wissen deine Spende sehr zu schätzen.

Wir wissen deine Spende sehr zu schätzen.

SpendenMonatlich spendenJährlich spenden

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s